Der Krieg um die Kinder

Das Gericht hat dem Vater vorläufig die Obhut über die Kinder zugesprochen, der Mutter ein Besuchsrecht. Aber der Noch-Ehemann sabotiert alle Versuche, die Kinder zu holen. «Er hetzt sie gegen mich auf», sagt die Frau, «und die Behörden schauen zu.»

Ida Sandl
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Hoffentlich hören sie bald auf: Kinder leiden darunter, wenn ihre Eltern sich streiten. (Bild: fotolia)

Hoffentlich hören sie bald auf: Kinder leiden darunter, wenn ihre Eltern sich streiten. (Bild: fotolia)

Die Mutter hat das Kinderzimmer leergeräumt. Sie erträgt den Anblick nicht mehr. Weg mit den Spielsachen, weg mit den Betten, wo ihre Kinder jedes zweite Wochenende schlafen sollten. So hat es das Gericht für die Zeit entschieden, während die Scheidung läuft. Das war Mitte November. Seitdem haben der Bub und das Mädchen nur ein einziges Mal bei der Mutter übernachtet. Der Vater, in dessen Obhut die Kinder sind, findet immer neue Ausreden, warum seine Noch-Ehefrau sie nicht holen kann. Einmal sind sie krank, dann gerade bei Freunden oder Verwandten.

«Er hetzt sie gegen mich auf», sagt die Mutter. Das Schlimmste für sie: Die Kinder wollen inzwischen keinen Kontakt mehr zu ihr. Von den Behörden fühlt sich die 40jährige Thurgauerin im Stich gelassen. Sie möchte anonym bleiben, auch wegen der Kinder. «Er kann machen, was er will, und es kümmert niemanden», sagt sie.

Sie hat sich um alles gekümmert

Dabei sei sie es gewesen, die immer für alles gesorgt habe. Der Ehemann ist seit einem Arbeitsunfall IV-Rentner. Seitdem sei sie für den Unterhalt der Familie zuständig. Sie habe das Geld verdient, er sei zu Hause gewesen. «Ich habe den Karren gezogen», sagt die Frau. Sie habe alles geregelt, da ihr Mann schlecht Deutsch spreche.

Nebenbei ging die Ehe kaputt. Er habe sie geschlagen, behauptet die Frau. Sie zog aus und reichte die Scheidung ein. Die Kinder nahm sie mit. Doch weil sie arbeiten musste, waren die Kinder dann doch wieder beim Vater.

Irgendwann lernte sie einen anderen Mann kennen, seitdem herrscht Krieg. Ihr Noch-Ehemann habe begonnen, ihr aufzulauern. «Er hat mich fast täglich bedroht.» Bis sie es nicht mehr ausgehalten habe und aus der Gemeinde weggezogen sei. Sie nahm sich eine Wohnung woanders im Thurgau. Gross genug, um die Tochter zu sich nehmen zu können. Der Sohn ist gesundheitlich beeinträchtigt und wohnt in einem Heim.

Doch das Gericht wollte die Kinder nicht aus der vertrauten Umgebung reissen, so lange keine endgültige Entscheidung über das Sorgerecht getroffen ist. Es hat dem Vater die Obhut und der Mutter ein Besuchsrecht erteilt. Da man wohl ahnte, dass es schwierig werden könnte, wurde der Familie ein Beistand zur Seite gestellt.

Lehrerin will keine Briefe

Doch der Beistand habe sich erst nach einem halben Jahr bei ihr gemeldet. Da sei schon viel Zeit verstrichen, in der der Vater die Kinder in seinem Sinne habe beeinflussen können. An Weihnachten sei er mit den Kindern nach Italien gefahren. Wenn sie die Kinder sprechen wolle, sei stets ihr Mann am Telefon und beschimpfe sie. «Er sagt, lass uns in Ruhe, niemand will mit Dir reden.»

Der Sohn ist 15, mitten in der Pubertät. Sie kann akzeptieren, dass er momentan keinen Kontakt zu ihr möchte. Die Tochter ist erst acht. Die Mutter hat Angst, sie zu verlieren. Zuerst hat sie ihr Briefe nach Hause geschrieben, die habe das Kind aber nie erhalten. Daraufhin schickte sie die Briefe in die Schule. Bis die Lehrerin sie bat, damit aufzuhören. Es sei für das Mädchen emotional zu belastend.

Sie sei zum Besuchstag in die Schule des Mädchens gegangen. Als sie heimfahren wollte, waren die Pneu ihres Autos zerstochen. Es gab einen Streit auf dem Parkplatz, die Tochter hat es beobachtet. Die Frau zeigte ihren Mann an. «Du hast Papa die Polizei auf den Hals gehetzt, Du bist eine Lügnerin», warf ihr die Tochter daraufhin vor.

Geschenke, die sie schickt, kommen zurück. Als ihr Mann entgegen den Abmachungen an Ostern wieder mit den Kindern nach Italien gefahren sei, habe der Beistand dies ebenfalls gebilligt. Mit Verweis auf das Kindeswohl. Die Mutter fühlt sich im Stich gelassen.

«Wir haben schwierige Fälle»

Claudia Semadeni ist Präsidentin der zuständigen Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) in Weinfelden. Zum konkreten Fall nimmt sie aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes keine Stellung. Es gelte, was das Gericht an Besuchsrecht festlegt, betont sie. Die Aufgabe des Beistandes sei zwischen den streitenden Eltern zu vermitteln. In den meisten Fällen gelinge dies auch. «Wir haben ganz schwierige Fälle, die erfolgreich abgeschlossen werden konnten.» Das sei aber meistens sehr zeitintensiv. «So etwas geht nicht von heute auf morgen.»

Doch wie kommt es, dass sich der Beistand erst nach einem halben Jahr meldet? «Er kann seine Arbeit erst aufnehmen, wenn der Entscheid der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde rechtskräftig ist», sagt dazu Claudia Semadeni. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde wiederum könne erst nach Erhalt des rechtskräftigen Gerichtsurteils aktiv werden. Dann müsse sie bei der zuständigen Berufsbeistandschaft klären, wer als Beistand oder Beiständin geeignet sei und über die nötige Zeit verfüge. Danach habe sie den betroffenen Personen das rechtliche Gehör zu gewähren. Erst nach Ablauf dieser Frist zur Stellungnahme, könne die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde ihren Entscheid erlassen.

Die Kinder kommen zurück

Auch wenn die Kinder keinen Kontakt mehr wollen, sollten die Eltern sich nicht zurückziehen, rät Claudia Semadeni. «Präsent bleiben, aber nicht fordern.» Weiter kleine Zeichen senden, Geschenke, Briefe zum Geburtstag oder zu Weihnachten. «Früher oder später kommen die Kinder zurück», ist Claudia Semadeni überzeugt.

Sie werde warten, sagt die Mutter: «Warten und hoffen auf meine Kinder.» Trotzdem ist sie sehr enttäuscht: «Ich habe 15 Jahre lang die Familie ernährt. Jetzt werde ich einfach abgeschoben.»

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