Der Kampf der Freiberuflichen

Freiberufliche Pflegefachfrauen können fast nicht mit ihrem Einkommen auskommen. Das liegt etwa daran, dass sie nur die beim Patienten geleistete Arbeit verrechnen können. Autofahrt und Büroarbeit bezahlt ihnen niemand.

Sebastian Keller
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Edith Wohlfender, Geschäftsleiterin des Berufsverbandes Pflege SBK und SP-Kantonsrätin. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Edith Wohlfender, Geschäftsleiterin des Berufsverbandes Pflege SBK und SP-Kantonsrätin. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

WEINFELDEN. Sylvia Sennhauser liebt ihren Beruf. «Ich sehe ihn als Berufung an», sagte die freiberufliche Pflegefachfrau aus Tägerwilen. Mit einer gesundheitlichen Einschränkung – sie darf maximal 15 Kilogramm heben – finde sie aber keine Anstellung mehr. Als Freiberufliche hingegen könne sie ihren erlernten Beruf weiter ausüben. Doch gibt es viele Erschwernisse, mit denen sie und ihre Kollegen im Thurgau konfrontiert sind. Diese machten sie gestern an einer Pressekonferenz deutlich. Anlass dazu war der TZ-Artikel «Unternehmertum versus Pflege» (Ausgabe vom 1. Februar).

Viel Arbeit wird nicht bezahlt

Edith Wohlfender, Geschäftsleiterin des Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) Sektion St. Gallen, betonte: «Die Gesetzgebung ist auf grosse Organisationen ausgerichtet.» Damit spricht sie die Spitex-Organisationen an. Freiberufliche Pflegefachfrauen kämpfen mit einer schwierigen finanziellen Situation: Des ungünstigen Tarifwesens wegen dürfen sie nur die direkt beim Patienten geleistete Arbeit verrechnen. Für die Anfahrt, die Nebenkosten und die Büroarbeiten können sie keinen Franken verrechnen. Das drückt auf den Stundenlohn. Beim Patienten dafür etwas zu verrechnen, geht auch nicht. Barbara Steccanella ist freiberuflich in der Wochenbett-Pflege tätig. Die in Arbon wohnhafte Frau hat fürs Jahr 2013 ausgerechnet: 181 Stunden konnte sie verrechnen, 244 Stunden nicht. Das ergebe einen Netto-Stundenlohn von 6,50 Franken. Auf den Monat ausgerechnet würde sie netto 1065 Franken verdienen. Können Sie davon leben? «Nein, davon kann ich nicht leben», sagte Barbara Steccanella.

Fachverband kämpft

Um die Interessen der freiberuflichen Pflegefachleute zu vertreten, wurde der Fachverband freiberufliche Pflege Schweiz vor einem Jahr aus der Taufe gehoben. Diesem Verband – er heisst Curacasa – steht Katharina Linsi vor. Sie ist überzeugt, dass es Freiberufliche braucht – ebenso wie Spitex-Organisationen. «Freiberufliche decken Nischen ab», sagte sie an der Pressekonferenz. Als Beispiel führt sie die Bereiche Psychiatrie, das Wochenbett und die Onkologie an. Im Thurgau sind 60 bis 80 Frauen und Männer freiberuflich tätig. «Wegen der schlechten Rahmenbedingungen gehen die Zahlen im Thurgau zurück, schweizweit steigen sie aber», sagte Linsi.

Problem mit dem System

Eine weitere Baustelle ortet Katharina Linsi bei der Verordnung des Regierungsrates zum Gesetz über die Krankenversicherung. Diese schreibe vor, dass alle ambulanten Leistungen mit dem Bedarfs-Erfassungssystem RAI Homecare ausgeführt werden müssen. Bei diesem System handelt es sich um ein EDV-Instrument. Wer nicht mit diesem arbeitet, hat keinen Anspruch auf Restfinanzierung durch die Gemeinde, was zu einem Erwerbsausfall führe.

«RAI Homecare wird den Bedürfnissen der Freiberufler nicht gerecht», sagte Linsi. Ein alternatives System, das günstiger und geeigneter für Freiberufliche wäre, ist im Thurgau nicht anerkannt – wohl aber von Krankenkassen. Edith Wohlfender fügte an, dass im Thurgau durch die Festschreibung des einzelnen Systems in der Verordnung eine Monopolisierung herrsche.

Katharina Linsi, Präsidentin des Fachverbandes freiberufliche Pflege Schweiz (Curacasa). (Bilder: Reto Martin)

Katharina Linsi, Präsidentin des Fachverbandes freiberufliche Pflege Schweiz (Curacasa). (Bilder: Reto Martin)

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