Der IV-Rentner leistet sich einen besonders teuren Tabak

Sonntagsgericht

Thomas Wunderlin
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Leicht verspätet betritt der 56-jährige IV-Rentner den Saal im zweiten Stock des Weinfelder Rathauses. Dass er dem Gericht nicht etwa den Respekt verweigern will, bezeugt der Anzug, den er für den besonderen Anlass ­angezogen hat, auch wenn dieser nicht massgeschneidert ist.

Seine Einsprache hat er damit begründet, dass er kein Geld habe, um die Busse von 100 Franken und die Verfahrensgebühr von weiteren 100 Franken zu zahlen. Er habe gewollt, dass jemand die Sache «nochmals genau anschaut», erklärt er den drei Richtern und dem Gerichtsschreiber. Und fügt etwas von «Verzögerungstaktik» bei. Er habe zu viel um die Ohren gehabt, als der Strafbefehl gekommen sei. Doch es wäre ihn billiger gekommen, hätte er nicht postwendend Einsprache erhoben. Denn Aussicht auf Aufhebung der Busse hat er keine, da er den Ladendiebstahl gestanden hat.

Im Denner an der Amriswiler­strasse in Weinfelden steckte er am 24. Juni ein Päcklein Tabak in seinen Rucksack. Eine Busse von 100 Franken ist die Minimalstrafe, die ihm der Staatsanwalt dafür geben kann. Sie stehe im Missverhältnis zu den 11 Franken und 55 Rappen, dem Preis des Tabaks, findet der Bestrafte. Die Busse sei nicht dem Diebesgut angepasst, sondern seinem Verhalten, erklärt die Richterin.

Er hätte auch Zusatzkosten vermieden, wenn er an diesem Mittwochmorgen gar nicht vor Gericht aufgetaucht wäre. Seine ­Einsprache hätte dann als zurückgezogen gegolten. Er müsste nur die Gerichtsgebühr bezahlen, die das Gericht in seinem Fall wohl auf 200 Franken festlegen wird. Doch es gäbe kein Urteil mit ­entsprechenden Urteilskosten. Am Ende der halbstündigen Verhandlung gibt ihm die vorsitzende Richterin nochmals die ­Chance, seine Einsprache zurückzuziehen. Sie rät ihm eindringlich dazu – und er hört auf sie. Er will nun auch die Möglichkeit einer Ratenzahlung in ­Anspruch nehmen, die ihm der Staatsanwalt angeboten hatte.

Dass er Dinge sagt, die ihn nicht ins beste Licht rücken, lässt ihn glaubwürdiger wirken. So gesteht er freimütig einen weiteren Ladendiebstahl. Vor Jahren sei er einmal aus einem Coop hinausgegangen, ohne die Kasse passiert zu haben.

Sein Arbeitgeber hatte einige wichtige Kunden verloren und fünf von dreissig Angestellten entlassen. Er gehörte dazu, da er erst ein Jahr zuvor in den Betrieb eingetreten war. Danach geriet er in seinem Leben von der Spur ab. Nach zwei Jahren vergeblicher Arbeitssuche wurde er von der Arbeitslosenversicherung ausgesteuert und erhielt Sozialhilfe. Schliesslich erlitt er einen schweren Herzinfarkt. Heute dürfte er gar nicht mehr arbeiten, selbst wenn er eine Stelle fände. Seit einem halben Jahr bezieht er eine volle IV-Rente von 2250 Franken pro Monat. Seine Frau hat auch nur ein geringes Einkommen, wie er sagt. Sie arbeite nur ab und zu temporär.

Sein Verhalten und seine Aussagen erscheinen aber mehrfach widersprüchlich. In der Unter­suchung hatte er den Diebstahl damit begründet, dass er Alkoholiker sei. Das will er nun nicht bestätigen. Er sei damals im Denner «verladen» gewesen. Er trinke «mässig, aber regelmässig». Er fahre ja nicht mehr Auto. Ab und zu gönne er sich einen Zweier Roten. Das gehe niemanden etwas an. Er mache nichts Verbotenes.

Wieso er den Pfeifentabak nicht zu den andern Sachen in sein ­Einkaufskörbchen legte, kann er nicht erklären. Er hätte gar nichts damit anfangen können, betont er mehrmals. «Ich rauche keine Pfeife.» Er kaufe sonst nur Tabak, den er zum Drehen von Zigaretten verwenden könne. «Es ist halt so, dass ich manchmal nicht mehr weiss, weshalb ich etwas getan habe.»

Thomas Wunderlin

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