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Der gut getarnte Nazi

Die bewegte Karriere eines Frauenfelder Sportarztes, der jahrelang heimlich mit den Nazis sympathisierte.
Urban Fraefel
Bilderbuchkarriere als Sportmediziner: Willi Knoll untersucht in den 1930er-Jahren in Magglingen einen jungen Athleten. (Bild: Archiv Eidgenössische Hochschule für Sport Magglingen)

Bilderbuchkarriere als Sportmediziner: Willi Knoll untersucht in den 1930er-Jahren in Magglingen einen jungen Athleten. (Bild: Archiv Eidgenössische Hochschule für Sport Magglingen)

Willi Knoll machte eine Bilderbuchkarriere: Während des ersten Weltkriegs wurde der Frauenfelder Arzt zum Chefarzt der Tuberkuloseheilstätte in Arosa berufen. In der Bündner Höhenluft suchte der damals 40-Jährige neue Herausforderungen und wendete sich dem boomenden Skisport zu. Mit Ehrgeiz und Enthusiasmus arbeitete er sich in das junge Feld der Sportmedizin ein. Innerhalb eines Jahrzehnts legte er über fünfzig sportmedizinische Publikationen vor. Zu wissenschaftlichen Meriten gekommen, konnte sich Knoll in prestigeträchtige Ämter wählen lassen. Als die zweiten Olympischen Winterspiele 1928 in St. Moritz stattfanden, liess sich Knoll die Gelegenheit nicht entgehen, möglichst viele Spitzenathleten anthropometrisch und physiologisch vermessen zu lassen. Im olympischen St. Moritz versammelte sich auch die Elite der Sportmediziner, die ihre aufstrebende Disziplin zu akademischer Anerkennung führen wollte. Elf nationale Verbände gründeten in St. Moritz die Internationale Sportärztliche Vereinigung, die heute rund hundert nationale Organisationen und gegen hunderttausend Sportmediziner vereint. Willi Knoll kam die Ehre zu, deren erster Präsident zu werden.

Ein Altherr berichtet Beunruhigendes

Doch der Höhepunkt der Berufs-laufbahn stand noch bevor. Manche Universitäten richteten Ende der 1920er-Jahre aufgrund der Dynamik der Sportbewegung Lehrstühle für Sportmedizin oder Leibesübungen ein. Den Anfang machten 1929 Hamburg und Leipzig, bald folgten weitere. Die Wahl der Hamburger fiel auf den 53jährigen Schweizer Willi Knoll, der damit Deutschlands erster Professor für Sportmedizin wurde. Sofort gewährte man ihm – von nun an mit Vornamen Wilhelm – die deutsche Staatsbürgerschaft.

Als ambitionierter Arzt und Wissenschafter hatte Knoll fast alles erreicht. Im Winter 1944/45 siedelte sich der alternde Knoll wieder in der Schweizer Heimat an. Um den emeritierten Professor wurde es jedoch merklich still. Als er 1958 mit 82 Jahren in Alpnachstad starb, würdigte die Schweizerische Zeitschrift für Sportmedizin sein wissenschaftliches Lebenswerk, verschwieg aber nicht dessen bittere Enttäuschung, dass seine Leistungen um die internationale Sportärztevereinigung geflissentlich vergessen worden seien. In der NZZ gedachte eine einzige Todesanzeige des Verstorbenen: Es zeichneten seine Couleurbrüder von der Schlagenden Verbindung Utonia.

Was war passiert? Ausgerechnet ein Altherr aus seiner Studentenverbindung Utonia brachte im Mai 1940 den Stein ins Rollen. Er trug der Zürcher Polizei Beunruhigendes über Dr. Knoll zu, welche die Gerüchte sofort an die Bundesanwaltschaft weiterleitete: Knoll erscheine in Hamburg bei allen Veranstaltungen in SA-Uniform. Man habe festgestellt, dass seine in der Schweiz vor Studenten und Altherren gehaltenen Vorträge nichts anderes als getarnte Anschlusspropaganda gewesen seien. Schon im Jahre 1934 habe Knoll im Centralblatt der schweizerischen akademischen Turnerschaft festgehalten: «Die Grundgedanken von uns Schweizern sind dieselben wie die der deutschen Nationalsozialisten. Unser eidgenössischer Sinn ist das Synonym des Nationalsozialismus».

Bundesrat Etter greift ein

Ein weiterer Hinweis vom Armee-kommando veranlasste die Bundesanwaltschaft 1943, bei der Schweizerischen Gesandtschaft in Deutschland nachzufragen. Der Gesandte Frölicher kannte den Doppelbürger Knoll persönlich und hatte von ihm den Eindruck eines durchaus loyalen Schweizer Bürgers. Dennoch wandte er sich an den Schweizerischen Generalkonsul in Hamburg. Dieser wusste zu berichten, dass Knoll in der Tat Mitglied der NSDAP sei, sich lange mit dem Parteiabzeichen geschmückt hatte und immer den deutschen Gruss anbot. Den Nationalsozialismus in seiner deutschen Form wolle Knoll aber nicht auf die Schweiz übertragen haben.

Dabei liess man es bewenden. Das Dossier tat seine Wirkung erst nach Kriegsende, als Knoll in der Schweiz wieder als Sportmediziner einsteigen wollte, seine alten Beziehungen aus Sport, Medizin und Militär nutzend. Die britischen Besatzer in Hamburg hatten Knoll nämlich die professorale Pension gestrichen, weil sie in ihm einen «Nazi der ersten Stunde» sahen, was hier freilich niemand wusste. Welche Bundesstelle er nun auch um Arbeit oder Geld anging: Routinemässig fragte man «oben» an, ob etwas vorliege. Magglingen stellte ihn wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft gar nicht erst an. Als Lagerarzt in der Rheinfeldischen Quarantäne für schweizerische Rückwanderer wurde er aus demselben Grund und mit dem Einverständnis von Bundesrat von Steiger wieder entlassen. Als Pro Helvetia 1947 erwog, Knolls Buch «Embryonale Blutbildung beim Menschen» zu subventionieren, gab Bundesrat Etter zu bedenken, dass eine «besondere Förderung der Arbeit Prof. Knolls in verschiedenen Kreisen Aufsehen erregen und wahrscheinlich zu unerfreulichen Polemiken führen würde.» Dass Knoll mit dem Odium des Nationalsozialisten behaftet war, reichte aus, um sich von ihm zu distanzieren – mehr wollte man in der Regel gar nicht wissen. Einzig die Zentralstelle für Ausländerfragen erkundigte sich, welches Gelübde Knoll als Nazi denn abgelegt habe. In der Antwort zitierte der Polizeichef der Bundesanwaltschaft aus dem Organisationsbuch der NSDAP: «Ich gelobe meinem Führer Adolf Hitler Treue. Ich verspreche ihm und den Führern, die er mir bestimmt, jederzeit Achtung und Gehorsam entgegenzubringen.»

Bekenntnis zum «Führer»

Knoll wurde am 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP und weiterer NS-Organisationen, der Erkenntnis folgend, «dass hier meine alten schweizerischen Grundbegriffe von Volk und Staat in der für Deutschland einzig möglichen und erreichbaren Form verwirklicht werden sollten.» Er bekannte sich als einer der ersten deutschen Professoren offen zum «Führer» und zum nationalsozialistischen Staat, gehörte dem Führerkorps der Hitler-Jugend an und war als Kandidat der NS-Studenten für die Amtsnachfolge als Rektor im Gespräch.

Knoll förderte nach Kräften den obligatorischen Wehrsport und die Sportfliegerei, mit denen sich die Versailler Friedensbedingungen umgehen liessen. In der von den Nazis betriebenen Wehrertüchtigung der deutschen Jugend sah er die Chance, seine Ideen von Wehrhaftigkeit und Kampfbereitschaft zu verwirklichen, die Knoll seit jeher höchste Tugenden waren. Noch 1943 schrieb er: «Der Deutsche bleibt eben immer Wehrmann im Krieg und Frieden. Er wird immer Kämpfer sein, solange sein Volk um seinen Lebensraum und seine Existenz kämpfen muss, und ich möchte hoffen, dass dieser Lebenskampf immer währen werde. Denn nichts ist einem Volke so gefährlich wie lange Zeiten jenes Friedens, der gleichbedeutend wird mit Wohlleben, mit Verflachung und damit Verschwinden der soldatischen Haltung des einzelnen.» Noch als 63-Jähriger wäre Knoll selber gerne Militärarzt der Wehrmacht geworden, doch seine Doppelbürgerschaft stand ihm im Wege. Stattdessen organisierte er den Lazarettsport des deutschen X. Armeekorps, um «aus einem Verwundeten einen vollwertigen Wehrmann zu machen.»

Während des Zweiten Weltkriegs wollte Knoll die Verbindungen zur alten Heimat nicht abreissen lassen und unternahm drei Vortragsreisen in die Schweiz. Parallel zu beruflichen Kontakten trieb er Werbung für den Nationalsozialismus. In seinen Rapporten an deutsche Behörden rühmte er sich seiner Propaganda, schilderte seine Treffen mit Personen aus Wissenschaft und Politik und steigerte sich zu Hasstiraden gegen Juden und Polen. Noch Ende 1944, als sein Hamburger Haus zerbombt war und er selber ausser Amt, beklagte er das Nichtvorhandensein einer deutschen Gegenpropaganda in der Schweiz und berichtete heim nach Hamburg, wie er gegen die Lügen der Feindpropaganda anredete.

Von bedenklichem Material gesäubert

Korrigierte Knoll nach 1945 seine Überzeugung, dass er «im Ideengut des Nationalsozialismus die Grundlage seines eigenen Schweizertums» gefunden hatte? Seine Bundesbrüder von der Verbindung Utonia bildeten im Herbst 1945 ein geheimes Ehrengericht zur Prüfung dieser Frage. Sie stellten ihren «Zapfel», wie er mit Vulgo hiess, wegen seiner Nazi-Vergangenheit zur Rede und akzeptierten schliesslich seine Rechtfertigungen. Ob das Urteil ebenso freundlich ausgefallen wäre, wenn man seine Reiseberichte gekannt hätte, darf bezweifelt werden.

Mehr Aufschluss über die Haltung des pensionierten Knoll geben seine Erbforschungen. 1938 versuchte er nachzuweisen, dass Lebensuntüchtigkeit vererbbar sei und ein falscher Partner die ganze nachgeborene Sippe verderben könne. 1943 beklagte er die Verschlechterung der schweizerischen Volkssubstanz durch die Kinder polnischer Flüchtlinge. Die Julius-Klaus-Stiftung des Zürcher Professors Otto Schlaginhaufen hatte seine Blut- und Vererbungsforschungen finanziert.

Einige Überzeugungen in Knolls Leben überdauerten beide Weltkriege: Schweizertum und Wehrhaftigkeit, Einordnung und Kampfbereitschaft, Antisemitismus und Rasse. Weder Kriegserfahrungen noch Niederlagen konnten seine Haltung ändern. Knoll fand seine Ideen in zwei mächtigen Bewegungen seines Jahrhunderts verwirklicht: Im Nationalsozialismus und im Sport. Während Knolls Rolle an der Hamburger Universität weitgehend aufgearbeitet ist, wurde er in der Schweiz als eine der Leitfiguren des nationalen Sports und der internationalen Sportmedizin einfach vergessen. Wohl nicht zufällig ruhen unbeachtet in einem Lagerraum der Sportschule Magglingen die Reste von Knolls Nachlass – gesäubert von bedenklichem Material.

Willi Knoll mit Hakenkreuz-Emblem. (Bild: pd)

Willi Knoll mit Hakenkreuz-Emblem. (Bild: pd)

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