Der Garten ist Frauensache

Die Germanen brachten die Zäune, die Römer das Obst, und der Adel steuerte den Buchsbaum bei. So entstand vor langer Zeit der Bauerngarten, wie es ihn heute noch im Thurgau gibt.

Daniela Huber
Drucken
Teilen
Gertrud Müller in ihrem Bauerngarten in Thundorf. (Bild: Nana do Carmo)

Gertrud Müller in ihrem Bauerngarten in Thundorf. (Bild: Nana do Carmo)

THUNDORF. Es ist das erste, was einem ins Auge fällt, wenn man auf das stattliche Bauernhaus der Familie Müller in Thundorf zugeht: die symmetrisch angelegten Buchsbäume und die Rosen dazwischen. Fast würde man erwarten, einen Ritter oder ein Burgfräulein über die Kieswege flanieren zu sehen. Was aber auf den ersten Blick so aussieht wie ein kleiner Schlossgarten, ist in Wahrheit einer der wenigen traditionellen Bauerngärten im Thurgau.

Stolz und Hingabe

Gertrud Müller (60) ist die stolze Besitzerin dieses Prachtstücks und pflegt es mit Hingabe. Aber nicht nur Schönheit und Symmetrie machen dieses Stück Land aus, denn daneben wachsen Gemüse, Beeren und Kräuter in sorgfältig gejäteten Beeten. Vom Ertrag ihres Gartens kann Gertrud Müller sich selbst und ihren Mann versorgen. Im Winter kommt dann Eingemachtes auf den Tisch. «Zwetschgen und Zimtglace mache ich gerne», sagt Gertrud Müller, «und Dörrbohnen oder auch einmal süss-sauer eingelegte Zucchini.»

Neben dem Haus weht frisch gewaschene, weisse Bettwäsche mit hellroten Blumen darauf im Wind. Es riecht nach Stall und frischem Waschpulver. Gertrud Müller sitzt am Gartentisch und erzählt mit einem sanften Lächeln aus ihrem Leben. Den Garten erbte sie vor sieben Jahren von ihrer Schwiegermutter, welche ihn ebenfalls von der Generation vor ihr geerbt hatte. «Unseren Garten gibt es seit über hundert Jahren in dieser Form», sagt Müller. Auf einer sepiafarbenen Fotografie ist die Urgrossmutter ihres Mannes zu sehen, welche zu ihrer Zeit ebenfalls die Buchsbäume getrimmt und die Familie mit eigenem Gemüse versorgt hatte.

Früher war der klassische Bauerngarten Frauensache, denn hier konnte Frau regieren, ernähren und ihr Werk der Strasse präsentieren. Auch bei Gertrud Müller ist das so, aber auch Herr Müller greift gerne zur Schaufel, wenn es denn gefragt wird. Bald muss nämlich ein Teil des Buchsbaums herausgeholt werden, weil der Buchsbaumzündler seine Blätter vertilgt hat. Die Raupen müssen von Hand herausgelesen werden, verstecken sich aber gut in den Millionen von kleinen Blättern. Sonst hat Müller kaum mit Ungeziefer zu kämpfen. Manchmal mit Schnecken. Und vor einigen Jahren hat der Hagel alles zerschlagen. Aber im Grunde genommen sieht es so aus, als wäre es ein gutes Gartenjahr.

Worauf Gertrud Müller sich dieses Jahr am meisten freut? «Ich freue mich auf alles», sagt sie, «aber auf die Clematis ganz besonders.» Die Knospen ranken sich jetzt noch um einen Metallbogen, der den Eingang zum Garten markiert. Wenn es dann Sommer ist, wird man durch ein Blumentor einen blühenden Garten betreten können.

Das Huhn muss raus

Gertrud Müller steht nun auf, um ein Huhn einzufangen, welches sich in ihren Garten verlaufen hat. Eigentlich würde es ihr ja nichts ausmachen, aber sie scharren mit ihren Krallen immer gerne die Erde auf. Und den Salat picken sie dann auch weg, das wäre dann ja doch schade.

Ob sie ihren Garten auch eines Tages vererben wird? «Ich hoffe es», sagt sie und lächelt. Vor 40 Jahren hätte die gebürtige Zürcher Oberländerin sich noch nicht träumen lassen, dass sie einmal in Thundorf einen solchen Garten hat, aber dafür ist die Bauersfrau heute umso zufriedener. Sie arbeitet jeden Tag darin, gibt Wasser und jätet ein bisschen. Das Unkraut komme halt immer wieder, aber auch das gehöre dazu. Und wenn sie mal wegfahre für ein paar Tage, dann geben Tochter und Schwiegertochter Wasser und ernten, bis sie wieder nach Hause kommt.