Der Fachmann kann es, die Hausfrau nicht: elektrisch kochen

In der TZ von 1917

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Infolge des Gasmangels wird bei vielen Hausfrauen die Frage, ob nicht elektrisch gekocht werden könne, aktuell. Die schweizerischen Elektrizitätswerke bemühen sich schon seit Jahren, das elektrische Kochen einzuführen. Der Erfolg dieser Propaganda war so ziemlich überall der gleiche, nämlich ein grosser Misserfolg. Werke, die Zehntausende Lichtabonnenten zählen, vermochten bis heute höchstens einige hundert Koch- und Heizanschlüsse zu gewinnen.

Der Laie weiss, warum: Die Elektrizitätswerke verlangen einen zu hohen Kilowattstundenpreis. Würde demnächst der Strompreis reduziert, so sei das Problem des elektrischen Kochens gelöst. Gewiss spielt der Preis die wichtigste Rolle bei der Lösung der elektrischen Heizungsfrage. Eine andere Frage ist aber die: ob es den Elektrizitätswerken möglich sei, bei Verwendung der bis heute noch einzig bekannten stromfressenden Heizapparate (die Energieaufnahme eines Dreiplattenherdes beträgt beispielsweise circa 4 Pferdestärken) und infolge der grossen Umbaukosten, die der Anschluss erfordert, den Strompreis so stark zu reduzieren, dass die elektrische Küche mit der Gasküche auch in gewöhnlichen Zeiten zu konkurrenzieren vermag.

Laboratoriumsversuche haben ergeben, dass wir in der Lage wären, für Koch- und Heizzwecke Strombedingungen einzuräumen, bei denen die Geldaufwendung zum Kochen nicht grösser ist als bei einem Gaspreis von 20 Rappen pro Kubikmeter, sofern die Stromzufuhr genau nach dem Heizbedarf geregelt wird und zum Kochen die neuesten Plattenherde und ganz neues Kochgeschirr verwendet werden. Trotzdem hat das elektrische Kochen keine nennenswerten Fortschritte gemacht, weil elektrische Küchen ganz andere Stromquantitäten als das Licht brauchen und eben eine besondere Zuleitung zu den Häusern und separate Installationen in den Gebäuden notwendig machen, sofern wenigstens nicht bereits Einrichtungen für motorische Kraft mit einer Spannung von nicht über 250 Volt im Hause vorhanden sind. All diese Installationen erfordern Geld, und zwar bei den heutigen enormen Kupfer- und Installationspreisen leider sehr viel Geld – wenn sie überhaupt erhältlich gemacht werden können. Die praktischen Versuche bei einzelnen Abonnenten ergaben, dass der Stromverbrauch meist ein ungleich grösserer war, als im Laboratorium festgestellt. Das rührt erstens davon her, dass es viele Abonnenten trotz aller Aufklärung nicht fertigbrachten, den Apparat so ökonomisch zu handhaben, d. h. den Energiebedarf je nach dem Fortschritt des Kochprozesses zu regulieren, bzw. herabzusetzen, wie es Fachleute fertigbringen; ferner aber auch daher, dass die Böden der Kochgeschirre sich bei längerem Verbrauch verbiegen, also nicht mehr wie neue Kochtöpfe voll auf der Heizfläche aufliegen, wodurch der Wirkungsgrad ganz bedeutend reduziert wird.

Sind die Elektrizitätswerke in der Lage, die Energie noch billiger abzugeben? Ja und nein. Ausschlaggebend sind natürlich die Erzeugungskosten des Stromes, ferner das Vorhandensein genügender überschüssiger Energien, namentlich in den für das elektrische Kochen in Betracht kommenden Tageszeiten; ausserdem die Dichtigkeit, bzw. örtliche Geschlossenheit und Grösse der einzelnen Konsumentengruppen. Diese Verhältnisse liegen in unserem Absatzgebiet nicht besonders günstig.

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