Der ewige Dienstverweigerer

Warth-Weiningen feiert den 20. Geburtstag. Die beiden Kirchgemeinden laden Franz Hohler in die Kartause ein. Hohler spaziert durch sein Gesamtwerk, nachdenklich, tiefgründig und mit leisem Humor.

Christine Luley
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Franz Hohler in der Kartause Ittingen. (Bild: Sandro Schmid)

Franz Hohler in der Kartause Ittingen. (Bild: Sandro Schmid)

WARTH-WEININGEN. Fast hätten die SBB in Winterthur Franz Hohlers Auftritt in der Kartause verunmöglicht. Doch dann rollten die Räder wieder und der Schriftsteller erreichte sein Ziel. Für Warth-Weiningen kommt es einem Ritterschlag gleich, dass Hohler die das 20-Jahr-Jubiläum feiernde Politische Gemeinde in seinem Reisenotizbuch zwischen Warschau und Wattwil eingetragen hat, «die Lücke wurde gefüllt», präzisiert er.

«Bist du es, den sie zum Fahrtauglichkeitstest für Senioren einladen?» Prüfend schaut Hohler ins Publikum und fährt weiter: «Siehst du das Mitleid im Blick des Verkäufers im Mobiltelefongeschäft, als er dir sagt, dass dein Handy nicht mehr zu reparieren ist?» – Vertraute Szenen, die Betroffenen schmunzeln. Zu seinem Siebzigsten vor zwei Jahren hat Hohler solche Gedanken in ein Gedicht verwoben. Schon als Neunjähriger hat er Verse geschrieben. Freilich ging's da noch um andere Themen. Der Autor ist überzeugt, seine Ode über das hehre Vaterland liesse sich ohne weiteres noch an einer Albisgüetli-Tagung vortragen.

Genauer Beobachter

Liebevoll, ironisch, skurril und augenzwinkernd leuchtet der Meister des Wortes die verschiedensten Lebensbereiche aus. Makaber ist seine Reportage über das «Fussballspiel der Lebenden gegen die Toten». Denn die Mannschaft der Toten wird von einem Mann im langen, schwarzen Mantel vor das Tor gekarrt, wo sie eine Mauer bildet. Durch ein gegnerisches Eigentor gewinnt sie sogar 1:0. «In Zukunft werden wir wohl alle etwas stärker zusammenhalten müssen», resümiert der Trainer der Lebenden.

«Herr Oberschtdivisionär, i wirde nid Soldat, vollbring ke Heldetat, i eusem Militär. S sell nid persönlech sy. Doch hani mi entschlosse. S wird weder zielt no gschosse. I rücke gar nid y.» Eindrücklich trägt Hohler sein Dienstverweigererlied vor und erzählt, wie er 1983 die schweizerdeutsche Fassung des Chansons «Le déserteur» von Boris Vian in der Sendung Denkpause singen wollte. Zu subversiv, befand das Fernsehen. Hohler trat nie mehr in einer Denkpause auf. «Das Lied hatte viel Sprengkraft», sagt er.

Gesellschaftskritische, beunruhigende Töne auch heute. Da sind Flüchtlinge, die uns Angst machen. «Denn sie kommen aus einem Elend, das uns fremd ist. Wir vergessen, dass sie es sind, die Angst haben. Wir fühlen uns von ihnen überfordert. Wir vergessen, dass sie es sind, die überfordert sind von den Verhältnissen in ihrer Heimat und von all dem, was sie auf sich genommen haben», zitiert Hohler aus dem Flüchtlingsmanifest und fordert in der Pause zum Unterschreiben auf. Stärkung beim offerierten Apéro der Kirchgemeinden, welche den Anlass organisierten. Eine Schlange vor dem Autor. «Schnell go bsueche, schnell go hälfä, schnell go läbä… und schnell en Gruess vom Franz Hohler», kommt der Autor dem Wunsch nach «etwas» zum Thema Flüchtlinge nach.

Lust am Fabulieren

Zurück in der Remise, das Publikum will mehr Geschichten hören. Wie die vom Kleinkind, das seinen Brei nur isst, wenn die Eltern seine Forderungen erfüllen. Oder von der Made, die nach Hongkong ging und es schaffte, ein Lebenszeichen an die Zuhausegebliebenen zu schicken. Sie lässt auf Kinderspielzeuge «Made in Hongkong» drucken.

Hohler interpretiert das Gewöhnliche neu. Das kurze Handerheben zweier sich kreuzender Buschauffeure bezeichnet er als indianischen Friedensgruss. Er rechnet hoch, wie viel positive Energie sich allein in Zürich durch diese Gesten ausbreiten müsste. Und räsoniert: «Wieso sieht es in unserer Welt nicht besser aus?»

Dann klappt der Denker sein Buch zu, wünscht einen tollen Herbst und verspricht: «Wir sehen uns beim 40-Jahr-Jubiläum in zwanzig Jahren.»

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