Der entzauberte Ort

Emotionale Kälte, strenge Regeln, Übergriffe: Das Buch «Kinder im Klosterheim – Die Anstalt St. Iddazell Fischingen 1879 – 1978» befasst sich mit einem dunklen Kapitel Thurgauer Geschichte. Es zeigt auch die Überforderung der Erzieher und die bittere Armut des Heims.

Ida Sandl
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Eine Menzinger Schwester mit Kindergarten-Kindern vor dem Klostergebäude.

Eine Menzinger Schwester mit Kindergarten-Kindern vor dem Klostergebäude.

FISCHINGEN. Am meisten zu leiden hatten die Bettnässer. Sie mussten mit ihren nassen Laken vor der Haustüre stehen. Da liefen alle anderen Kinder an ihnen vorbei. Schutzlos waren sie dem Spott der Grossen und dem Gelächter der Kleinen ausgeliefert. Mit der Blamage, so dachten die Erzieher, könnten sie ihnen das Bettnässen abgewöhnen.

Wenig Liebe und Geborgenheit

Das Kinderheim des Klosters Fischingen war für die meisten seiner Zöglinge kein Ort der Geborgenheit. Das wurde spätestens klar, nachdem der Verein Kloster Fischingen ein Historiker-Team beauftragt hatte, die Geschichte zu untersuchen. Der Bericht der Experten hat die schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Immer wieder sei es zu Gewalt und zu sexuellen Übergriffen gekommen. In der Anstalt herrschte ein strenges Regime, für Liebe war aber wenig Platz. Dazu war das Kinderheim mausarm, die Erzieher waren schlecht ausgebildet und mit den vielen, teils schwierigen Kindern überfordert.

Der Historische Verein des Kantons Thurgau hat basierend auf dem Expertenbericht ein Buch herausgegeben. Es heisst «Kinder im Klosterheim – Die Anstalt St. Iddazell Fischingen 1879 – 1978». Der Text wurde überarbeitet und ergänzt. Vor allem auch, weil sich nach der Veröffentlichung des Berichts weitere Ehemalige gemeldet haben, die ihre Zeit in Fischingen schildern.

Das Buch bringt keine neuen Erkenntnisse, behandelt die einzelnen Aspekte des Alltags in St. Iddazell aber sehr viel ausführlicher als der Bericht. Den Aussagen früherer Heimkinder wird mehr Platz eingeräumt, neue Aspekte kommen hinzu. So entsteht ein klares, lebendiges Bild vom einstigen Klosteralltag.

Die Autoren differenzieren. Denn nicht alle Kinder haben in Fischingen gelitten: Das zeigt das Beispiel eines Geschwisterpaares. Der 13jährige Bub wurde schulisch stark gefördert. «Hier habe ich mich daheim gefühlt», sagt er. Die neunjährige Schwester dagegen verbrachte bedrückende Jahre im Kloster: «Ich finde es furchtbar für ein Kind, wenn es an so einem Ort sein muss.» Es gab auch einzelne Erzieher, die liebevoll mit den Kindern umgingen. Insgesamt hatten es die guten Schüler wohl besser als die Kinder mit Problemen und ohne Rückhalt von zu Hause.

Auffällig ist die grosse Armut des Kinderheimes, das auf Spenden angewiesen war. In ihrem Zimmer habe es keine verputzten Wände gegeben und sogar in den Fensterscheiben war ein Loch, schildert eine Schwester. Die sanitären Verhältnisse seien desolat gewesen: Ein Waschbecken für 26 Kinder.

Die Kinder waren fest in den Arbeitsalltag eingebunden. Die Mädchen mussten in Küche und Wäscherei helfen, die Buben im Garten und in der Landwirtschaft. Sogar der Sonntag war verplant mit Beten, Anstandslehre für die Mädchen und Wanderung aufs Hörnli.

Nicht nur die Kinder litten. Die Generaloberin der Menzinger Schwestern beklagt sich mehr als einmal beim Direktor des Klosters über das extreme Arbeitspensum der Schwestern. Eine Schwester, die in den 50er-Jahren in Fischingen war, berichtet sie habe nach ihrem langen Arbeitstag nachts den Schlafsaal beaufsichtigen müssen.

Neben dem strengen Regime beklagen viele Ehemalige die emotionale Kälte. So habe sich ein Kind zum Geburtstag stets etwas aussuchen dürfen. Ein Junge hätte gerne ein Autöli gehabt. Die Schwester habe das Spielzeug aus dem Regal genommen und vor ihn hingestellt. Er habe sich so gefreut. Da habe sie es weggenommen und gesagt: «Nimm gescheiter ein Paar Kniesocken.» Ein anderer Ehemaliger bricht noch heute in Tränen aus, wenn er sich an seine Einsamkeit in Fischingen erinnert.

Tabuthema Missbrauch

Es gab auch liebevolle Schwestern oder Mönche. «Die Schwestern hatten uns gern, das hab ich gespürt», sagt ein ehemaliges Heimkind. Eine andere Schwester hat einem Jungen jeweils die blutenden Füsse verbunden. Von den 20 interviewten Ehemaligen berichten zwölf von sexuellem Missbrauch, den sie selber erlebt oder bei anderen mitbekommen haben. Die meisten Vorwürfe zu sexueller Gewalt richten sich gegen fünf Patres und einen weltlichen Lehrer. Sie waren in den 1950er- bis 1970er-Jahren im Heim tätig. Die Spannbreite der sexuellen Übergriffe reicht von Streicheln bis zu nachts aus dem Bett holen.

Aber nicht nur das Heim hat versagt. Es sei deutlich geworden, schreiben die Autoren, dass die zahlreichen Aufsichtsinstanzen kaum präsent waren. «Wo aber Kindern und Jugendlichen kein Gehör geschenkt wird, wo es keine griffigen Kontrollinstanzen gibt, werden Missstände begünstigt – auch heute noch.»

«Kinder im Klosterheim» ist in der Reihe Thurgauer Beiträge zur Geschichte erschienen. 244 Seiten, Schwarz-Weiss-Fotos. Im Buchhandel und im Staatsarchiv erhältlich. 48 Franken.

Schülerinnen schreiben Bettelbriefe an die «Wohltäter». Foto aus dem Jahr 1953. (Bilder: pd/«Kinder im Klosterheim»)

Schülerinnen schreiben Bettelbriefe an die «Wohltäter». Foto aus dem Jahr 1953. (Bilder: pd/«Kinder im Klosterheim»)

1927/28: Oberstufenschüler beim Schlitteln.

1927/28: Oberstufenschüler beim Schlitteln.

Die Mädchen mussten beim Rüsten des Gemüses helfen.

Die Mädchen mussten beim Rüsten des Gemüses helfen.

Im Saal der alten Bibliothek schliefen die Realschüler bis 1978.

Im Saal der alten Bibliothek schliefen die Realschüler bis 1978.