«Der Doktortitel hat an Bedeutung verloren»

Der Doktortitel wird immer unwichtiger – auch in der Ostschweiz. Nicht einmal Ärzte müssen zwingend eine Dissertation einreichen.

Katrin Meier
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Der Doktortitel ist nicht einmal für Ärzte obligatorisch. In der Wirtschaft ist er zudem keine Karrierehilfe. (Bild: ap/Jens Meyer)

Der Doktortitel ist nicht einmal für Ärzte obligatorisch. In der Wirtschaft ist er zudem keine Karrierehilfe. (Bild: ap/Jens Meyer)

Als «Herr Doktor» wird heute kaum noch jemand angesprochen. Nach der Guttenberg-Affäre wird der Titel sogar belächelt. «Ich glaube, in der Ostschweiz ist die Titelgläubigkeit nicht mehr verbreitet», sagt Marc König, Rektor der Kantonsschule am Burggraben in St. Gallen.

Er selber hat auch einen Doktortitel, benutzt ihn aber kaum. «Ausser im Lehrerverzeichnis und bei wissenschaftlichen Veranstaltungen wüsste ich nicht, warum ich meinen Titel führen sollte.» Ein Doktortitel ist keine Voraussetzung für eine Karriere als Mittelschullehrer.

Heute sei das höhere Lehramt verbindlich und diese Zusatzausbildung habe in vielen Fällen die Dissertation abgelöst, sagt König. Dennoch verfügen 15 bis 20 Prozent der Mittelschullehrer an der Kantonsschule St. Gallen über einen Doktortitel. «Fundiertes Fachwissen ist in der Mittelschulbildung nie verkehrt, denn es ist erwiesen, dass diese Lehrpersonen den Stoff besser vermitteln können», sagt König.

Kaum Karrierevorteile

In der Privatwirtschaft haben Bewerber mit einem Doktortitel kaum entscheidende Vorteile. Die St. Galler Kantonalbank sucht zum Beispiel nicht konkret nach promovierten Bewerbern: «Obwohl in einigen Tätigkeitsfeldern der St. Galler Kantonalbank eine wissenschaftliche Ausbildung erforderlich ist, spielt die Promotion eine untergeordnete Rolle», sagt Simon Netzle, Mediensprecher der SGKB.

Auch für die Bühler AG ist der Doktortitel nicht ausschlaggebend für eine Anstellung, jedoch ein Vorteil: «Bei Funktionen in der Forschung, die bei Bühler in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat, ist ein Doktortitel heute immer noch ein Leistungsausweis», sagt Pressesprecherin Corina Atzli. «Zudem hat ein Hochschulabsolvent mit Promotion zu Beginn seiner Arbeitstätigkeit einen kleinen Lohnvorteil.» Im Laufe der Zeit egalisiere sich dieser Unterschied.

«Die Bedeutung des Doktortitels hat abgenommen», sagt Kurt Weigelt, Direktor der Industrie- und Handelskammer St. Gallen Appenzell. «Viele Universitätsabgänger nehmen den Aufwand nicht mehr in Kauf, da der Titel ihnen keine bessere Ausgangslage für eine wirtschaftliche Laufbahn schafft.» Ausgenommen sind forschungsnahe Branchen wie die Pharmazie. «Auch für Juristen gehört der Doktortitel nach wie vor zum Renommée», sagt Weigelt. Meistens werde aber mehr Wert auf eine möglichst internationalen Masterabschluss gelegt.

Dissertation nicht obligatorisch

Der Doktortitel ist nicht einmal für Ärzte eine zwingende Voraussetzung: «Das Obligatorium des Doktortitels wurde im Zuge der Internationalisierung der Ausbildung aufgehoben», sagt Julia Burri, Sachbearbeiterin des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF). Seit die bilateralen Verträge 2002 in Kraft traten, können Ärzte, die den Facharzttitel in der Chirurgie oder der inneren Medizin anstreben, wählen, ob sie eine wissenschaftliche Publikation oder eine Dissertation einreichen wollen.

Für Bereiche wie Anästhesie oder Pädiatrie ist auch keine wissenschaftliche Publikation mehr notwendig.

«Während meiner Ausbildung war es keine Frage, da man ohne Dissertation keine Fachausbildung machen konnte», sagt Peter Wiedersheim, Präsident der St. Galler Ärztegesellschaft. «Auch heute halte ich es für wichtig, dass Ärzte sich im Rahmen einer Dissertation vertieft mit einem wissenschaftlichen Problem befassen. Das ist ein Dienst am Fortschritt der Medizin.»