Der Beste tritt in die zweite Reihe

WIGOLTINGEN. Ab Sommer kochen zwei Kuchlers im «Schäfli» in Wigoltingen. Sohn Christian übernimmt die Führung und will dem Restaurant einen modernen Anstrich geben. Die Klassiker von Vater Wolfgang wird es weiter geben. Zuerst wird aber umgebaut.

Ida Sandl
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Zwei Kuchlers am Herd: Sohn Christian und Vater Wolfgang zeigen ihre legendäre Tarte Tartin. (Bild: Reto Martin)

Zwei Kuchlers am Herd: Sohn Christian und Vater Wolfgang zeigen ihre legendäre Tarte Tartin. (Bild: Reto Martin)

Angefangen hat er als Tellerwäscher. Christian Kuchler, 29 Jahre alt, Koch von Beruf, und was für einer: 17 Gault-Millau-Punkte, einen Michelin-Stern. Mitte nächsten Jahres kehrt Kuchler junior zurück an den Ort, wo er als Kind sein Taschengeld mit dem Abwasch verdiente.

Das «Schäfli», Gourmet-Restaurant in Wigoltingen, mitten auf dem Lande. Seit Jahren ist es das kulinarische Aushängeschild des Thurgaus und bisher das uneingeschränkte Reich von Wolfgang Kuchler, dem besten Schweizer Alleinkoch. Dem Vater von Christian Kuchler.

Die beiden Kuchlers werden ab nächstem Sommer gemeinsam am Herd stehen. Das Sagen hat dann der Sohn. Der Vater ist bei ihm angestellt. «Er hat viel vor», sagt Vater Wolfgang Kuchler. Er legt seinen Kopf leicht schief, was er immer tut, wenn er etwas erzählt, was ihm wichtig ist. In seiner Stimme liegt Stolz.

Kurze Hosen dürfen sein

Moderner soll das Restaurant werden, sagt der Sohn. «Ein bisschen weniger steif.» Ein Lokal, in das man sich ohne Krawatte und an einem heissen Sommertag auch mal mit kurzen Hosen traut. «Wir wollen die Hemmschwelle fürs Restaurant etwas herabsetzen.» Und die Küche? «Essen, das Spass macht und die Sinne anspricht», sagt Christian Kuchler. Eine Entdeckungsreise für die Geschmacksnerven. Bei der Qualität macht auch der junge Kuchler keine Abstriche. «Die Produkte müssen perfekt sein.» Sein Vater und er seien sich bei den grundsätzlichen Dingen einig.

Für Wolfgang Kuchlers Klassiker reisen die Feinschmecker bis von Stuttgart oder Lugano an. Diese Spezialitäten wird es weiter geben. Die geschmorten Kalbsbacken, die Steinbutt-Langostinos, die Ochsenschwanz-Ravioli. Diese Küche bringt Wolfgang Kuchler seit Jahren 18 Gault-Millau-Punkte und einen Michelin-Stern ein. Sie von der Speisekarte zu streichen, würde dem «Schäfli» etwas von seiner Seele nehmen.

Simi bleibt im «Schäfli»

Das trifft auch auf Simi zu. Der Tamile ist seit 25 Jahren die rechte Hand von Wolfgang Kuchler. Er wird auch weiterhin in der «Schäfli»-Küche arbeiten. Zusätzlich will Kuchler einen Patissier einstellen. Ansonsten sei noch vieles offen. Sicher sei aber schon, dass die Preise im «Schäfli» nicht steigen. Die Grenze liege bei 240 Franken, kein Menu soll teurer sein.

An Silvester wird im Schäfli noch einmal gediegen aufgetischt. «Mit allem Drum und Dran», verspricht Wolfgang Kuchler. Dann ist erstmal Schluss. Bis Mitte 2015 wird das Restaurant umgebaut. Vor allem die Küche wird aufgerüstet. Das Buffet rutscht nach hinten, ist nicht mehr sichtbar für die Gäste. Die Gaststube wird aufgefrischt. Sie ist denkmalgeschützt und darf nicht verändert werden. Der historische Saal soll für Hochzeiten oder Bankette genutzt werden.

Der Herd ist schon verkauft

Den Induktionsherd, an dem er sich die Gault-Millau-Hauben und den Stern erkochte, hat Wolfgang Kuchler an einen Privatmann verkauft.

Mehr Werbung machen wollen die Kuchlers in Zukunft auch für das Mini-Hotel mit vier Zimmern im Nebengebäude. Gäste von weiter her würden es schätzen, wenn sie übernachten können. «Der Chef serviert ihnen am nächsten Morgen sogar das Frühstück», sagt Christian Kuchler und lacht. Ende September hat er geheiratet. Ehefrau Marina ist Chef de Service im «Kreuz» in Warth. Sie werde vorerst nicht ins «Schäfli» wechseln, sagt Christian Kuchler. «Sie hält mir aber bei der Schreibarbeit den Rücken frei.» Bis zur Wiedereröffnung des «Schäfli» bleibt Christian Kuchler als Küchenchef im «Hirschen» in Eglisau.

Nochmal von vorne

In Wigoltingen fangen die Kuchlers nach dem Umbau wieder ganz von vorne an. Weil das Restaurant schliesst, verlieren sie die Gault-Millau-Punkte und den Michelin-Stern.

Es werden neue Testesser ins «Schäfli» kommen, die unerkannt in einer Ecke sitzen. Der Michelin-Tester lässt beim Bezahlen meistens seine Karte liegen. Wie es dem Gault-Millau-Mann geschmeckt hat, lesen die Köche erst im Feinschmeckerführer.

«Es wird nicht einfach werden, die 18 Punkte zu verteidigen», sagt Christian Kuchler. Doch für den einfachen Weg haben sich die Kuchlers noch nie interessiert.