Den Rank in die Moderne erwischt

Der Thurgauerhof war gesellschaftlicher Mittelpunkt des Dorfs – bis die Mehrzweckhalle kam. Hier wurde früher der Tanzboden eingeseift. Und es arbeiteten schöne Serviertöchter dort. Derzeit wird die Liegenschaft umgebaut.

Christine Luley
Drucken
Teilen
Eingerüstet: Der Thurgauerhof in der Kurve nach der Rohrerbrücke. Rechts der Anbau. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Eingerüstet: Der Thurgauerhof in der Kurve nach der Rohrerbrücke. Rechts der Anbau. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Christine Luley

frauenfeld@thurgauerzeitung.ch

«Tanzbelustigung bei gutbesetzter Musik, geräumigen Lokalitäten, guten Speisen und Getränken. Es ladet freundlichst ein, Karl Schmidt.» Das inserierte der Besitzer des neuerstellten Gasthauses «Thurgauerhof im Oberrohr bei Weiningen» an Silvester 1899. Dank dieser Anzeige, die Bernhard Lehner im «Wächter», dem Vorgängerblatt der «Thurgauer Volkszeitung», im Estrich gefunden hat, ist das Alter der ­Lokalität bekannt, die heute umgebaut wird und einen Anbau er­hält.

Beim Demontieren eines Ofens entdeckten Bauarbeiter im Sommer 2016 eine Thurgauer Arbeiterzeitung vom 11. Mai 1935. Sie gewährt einen Blick durch ein Zeitfenster: «Durch Krise und Arbeitslosigkeit und durch ihre Folgen ist die ganze erwerbstätige Bevölkerung unsers Landes in ihrer Existenz äusserst bedroht», befand das sozialistische Tagblatt.

Das warme Spiel der Zigeunermädchen

Das Leben auf dem Land war durch harte körperliche Arbeit geprägt. Dennoch gab es kleine Lichtblicke im Alltag. «Bajazzo, das Spiel ist aus, 2. Aufführung, 5. Februar 1938», preist der Frauenchor Weiningen seine Abendunterhaltung an. «Besonders das warme Spiel des Zigeunermädchens Senta und des Bajazzo, dessen Darsteller sich in sehr feinfühliger Weise in seine schwierige Rolle eingelebt hat, fanden im vollbesetzten Saal des Thurgauerhofes wohlverdienten Beifall», steht in einem Eingesandt.

Der Thurgauerhof-Saal: Dieser etwa 110 Quadratmeter grosse Raum war mit einem Parkett im Fischgrätmuster ausgelegt. «Für die Tanzveranstaltungen wurden Seifenflocken auf dem Boden verstreut, so glitten die Schuhe besser über die Fläche», berichtet ein alter Warther. Als junger Bursche sei er da gerne eingekehrt, «denn der Wirt Deutschenbaur hatte immer hübsche Serviertöchter», schmunzelt der 92-Jährige.

Mit einer Freinacht ging am 20. Mai 1944 die Ära des Schweizers mit dem deutschen Namen zu Ende. «Heute Samstag Austrinket, Gratis-Ausschank von 100 Litern», tat der Wirt seinen werten Freunden kund und dass er seinen Gasthof auf den 1. Juni käuflich an die Geschwister Häni abgetreten habe. Die Übernahme war für Adolf, Marie, Rudolf und Martin Häni ein mutiger Schritt, denn es herrschte immer noch Krieg. Die vier ältesten der 15 Kinder des Reinhard und der Pauline Häni aus dem ehemaligen Mesmerhaus in Weiningen waren damals um die Mitte zwanzig und hatten keinen gastronomischen Hintergrund. Weil der Thurgauerhof in einer Kurve liegt, trug die Wirtin bald den Namen «d’Rank-Marie». Viele ihrer Geschwister halfen in der Beiz mit, so war klar, wer gemeint war.

Wirtefamilie füllt Warther Schulzimmer

Bernhard Lehner ist im Nachbarhaus, im Restaurant Freihof aufgewachsen. Der damalige Zweitklässler erinnert sich, wie im Sommer 1944 die Gesamtschule Warth sich gleich um vier Kinder vergrösserte. Und Lehrer Otto Herzog verblüfft war, als im Herbst noch ein weiterer Häni Sprössling für die achte Klasse der Winterschule dazu kam.

In den Jahren 1945 und 1946 wurde durch die Zusammenlegung von Parzellen die Rebfläche an der Ruchhalde in Warth erweitert. In den Folgejahren empfahl sich Familie Häni für ihren «sorgfältig gekelterten Kartäuser Eigenbau» und Geräuchtes aus Hausschlachtung. «Man konnte den Wein grad noch trinken», äussert sich ein Zeitzeuge mit Jahrgang 1924 über die Qualität der Tranksame.

Ein Grossteil des gesellschaftlichen Lebens der näheren Umgebung spielte sich im Thurgauerhof ab. Die Gäste fanden sich zur Metzgete, Bauernfasnacht, Ostermontagstanz, Chilbisonntag und den Abendunterhaltungen der Vereine ein. Ab den 1970er-Jahren wandelten sich die Bauerngemeinden Warth und Weiningen in Wohngemeinden, die Traditionen bröckelten. Nach dem Bau der Mehrzweckhalle von 1980 brauchte es ohnehin kein Säli mehr. Marie und Adolf Häni wirteten noch bis ins Pensionsalter.