«Den Löwen kann ich kein Gemüse vorsetzen»

Mini Büez

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Ich habe zwei Lieblinge. Die Berberlöwen und die Berberaffen. Sie stammen aus derselben Region nördlich der Sahara. Beide gibt es bei uns im Frauenfelder Plättli-Zoo, und beide Arten sind stark vom Aussterben bedroht. Die Löwen gibt es in freier Natur gar nicht mehr. Auf der ganzen Welt hat es noch 98 Exemplare. Alle Berberlöwen, die es jetzt noch gibt, stammen vom Bestand des marokkanischen Königs ab. Die Berberaffen faszinieren mich, weil sie eine unglaubliche Sozialstruktur haben. Sie leben in Gruppen von bis zu 60 Tieren. Zudem ist es die einzige freilebende Affenart, die es in Europa gibt. Sie leben auf dem Felsen von Gibraltar. Insgesamt gibt es nur noch etwa 10000 freilebende Berberaffen. Als Tierpfleger bin ich für das Wohl der Tiere verantwortlich. Nur wenn ich ihr natürliches Verhalten kenne und weiss, was sie für Bedürfnisse haben, kann ich ihnen im Zoo ein tiergerechtes Leben bieten. Jedes Tier ist anders, das macht meinen Beruf abwechslungsreich.

Während der Ausbildung lernt man Strategien, wie man sich über die verschiedensten Tiere informieren kann. Natürlich kenne ich nicht jedes Tier auf der Welt, das geht gar nicht. Wichtig ist vor allem, dass man sich nicht nur übers Internet informiert. Der Austausch mit anderen Tierpflegern, die Erfahrung im Umgang mit dem entsprechenden Tier zu haben, ist sehr hilfreich. Zudem gibt es Fachbücher und entscheidend ist die Verhaltensbeobachtung. Morgens um sieben Uhr fängt mein Arbeitstag an. Bei uns gibt es drei Reviere. Wir teilen uns dann jeweils auf und kümmern uns den ganzen Tag um ein Revier. Zuerst mache ich die Runde und kontrolliere, ob es allen Tieren gut geht. Dann beginne ich, das Gehege auszumisten und die Tiere zu füttern. Um neun gibt es eine Znünipause, danach ist wieder Misten und Füttern angesagt. Natürlich gehört auch der Unterhalt der Anlagen zum Beruf und die Pflege der Umgebung. Wir bieten Führungen für die Besucher an und stehen bei Fragen zur Verfügung.

Wer denkt, als Tierpfleger habe man nur mit Tieren zu tun, der liegt falsch. Ich brauche auch ein Gespür für die Menschen. Ich finde es toll, wenn ich etwas von meinem Wissen weitergeben kann, die Leute über die Eigenheiten der Tiere aufklären und ihnen lustige oder interessante Geschichten aus meinem Arbeitsalltag erzählen kann. Ich mag diesen Teil meiner Arbeit. Vieles über Tiere kann man nur schon beim Beobachten lernen. Anderes bedarf einer Erklärung. Wenn der Löwe beispielsweise sehr laut brüllt, dann ist das nicht, weil er verärgert ist, sondern um sein Revier zu markieren. In der freien Wildbahn sind solche Laute über fünf Kilometer zu hören und sollen andere Löwenrudel davon abhalten, sein Revier zu betreten. Deshalb tönt es so gefährlich, als Abschreckung.

Wenn ich erzähle, dass ich Tierpfleger bin, dann ist die erste Reaktion meist: «Jöö, so herzig.» Dass der Beruf aber viel anderes beinhaltet, als den ganzen Tag nur Tiere zu streicheln, ist den meisten nicht bewusst. Es braucht eine vernünftige Tierliebe. Oft ist es körperlich anstrengend und manchmal schmerzvoll, wenn man sich beispielsweise von einem Tier verabschieden muss. Zudem kann ich den Löwen kein Gemüse vorsetzen. Ich verfüttere also tote Tiere. Manchmal sind das ganze Tiere. Beispielsweise wenn eine Ziege im Zoo auf Grund des Alters oder Beschwerden getötet werden muss, kann es sein, dass wir sie den Raubtieren verfüttern. Sonst bekommen wir oft Kälber, die bei der Geburt sterben. Die Landwirte wissen, dass sie uns in so einem Fall anrufen können. Manchmal gibt es auch ein altes Pferd oder alte Legehennen. Futtertiere fachgerecht zu töten und zuzubereiten gehört auch zu meinem Job. Die Tage sind nie gleich, das macht meine Arbeit so spannend – und ich kann auch von den Tieren immer wieder etwas lernen.

Notiert: Sabrina Bächi