Den Killerzellen auf der Spur

Kreuzlingen. In Zukunft wird es neue Medikamente gegen Krebs geben. Die anwendungsorientierte Grundlagenforschung dazu leistet ein Labor in Kreuzlingen.

Brigitta Hochuli
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Seit drei Jahren leitet der 36jährige Berner Biochemiker Daniel Legler das Biotechnologie-Institut Thurgau, welches an den Lehrstuhl für Immunologie der Universität Konstanz angegliedert ist. Vor einem Jahr ist das 1999 gegründete Institut von Tägerwilen nach Kreuzlingen verlegt worden. Hier entfalten 15 wissenschaftliche Mitarbeiter eine international beachtete medizinische Forschertätigkeit zu den Zellmechanismen bei Infektionen, Allergien oder Krebs.

Bund erneuert Engagement

Ende 2006 erhielt Daniel Legler vom Schweizerischen Nationalfonds 197 000 Franken für die Erforschung der sogenannten dendritischen Zellen, die eine der wichtigsten Funktionen im Immunsystem des menschlichen Körpers innehaben. Für ein zweites Nationalfondsprojekt wurden vor zwei Wochen dem Konstanzer Lehrstuhlinhaber Marcus Groettrup 383 000 Franken zugesprochen. Groettrups Arbeitsgruppe am BITg befasst sich mit T-Killerzellen und hat bereits bahnbrechende Grundlagen zur Immuntherapie gegen den Prostata-Krebs erarbeitet. Zusätzlich zu den Nationalfondsbeiträgen hat der Bund sein Engagement für das Institut mit 2 Millionen Franken für die nächsten vier Jahre erneuert, und die kantonale Stiftung für Wissenschaft und Forschung steuert einen Jahresbeitrag von 600 000 Franken bei.

Strengen Kriterien unterworfen

Naturwissenschaftliche Nationalfondsprojekte verwirklichen zu können, sei nicht nur wegen der persönlichen Anerkennung, der Einbettung in die schweizerische Forschungslandschaft und der Finanzierung von Personal und Geräten wichtig, sagt Daniel Legler. Nationalfondsprojekte seien darüber hinaus die beste Fördermöglichkeit, weil sie international begutachtet und strengsten Kriterien unterworfen seien. «Wenn so etwas bekannt wird, erhält man weitere Projekte. Es hilft zur Erlangung einer Professur. Und es ist auch politisch nicht schlecht.» Die Auszeichnung durch die Projektgutsprache sei der beste Hinweis, dass die Forschung am BITg sehr gut mit der Forschung an schweizerischen Universitäten mithalten könne.

Einer Professur im übrigen steht bereits heute nichts im Weg. «Ich habe nur keine Zeit, die Habilitationsschrift zur verfassen.» Das nimmt man dem jungen Wissenschafter sofort ab. Spricht er von seinem Fachgebiet, öffnet sich ein Fundus von komplexen biomedizinischen Zusammenhängen und Zukunftsperspektiven.

Zellen «verhacken» Fremdstoffe

Daniel Legler versucht sein Forschungsgebiet anschaulich zu machen. Er nennt als Beispiel für den Molekularmechanismus von Körperzellen die geschwollenen Drüsen bei einer Grippe. Die Drüsen sind in diesem Fall die Lymphknoten am Hals. Dringen Bakterien oder Viren durch die Haut oder Schleimhaut, kommen dendritische Zellen zum Zug. Sie erkennen die Fremdstoffe, nehmen sie auf, «verhacken» sie und transportieren sie in die Lymphknoten.

Weitere Zellen des Immunsystems wie T-Killer- oder T-Helfer-Zellen bekämpfen die Eindringlinge und unterstützen den Prozess. Sie kommen auch gegen Tumor- und Krebszellen zum Einsatz. Bei allergischen und Asthma-Reaktionen oder Unverträglichkeit mit transplantierten Organen zeige sich eine weitere Facette dieser Zelltätigkeit, erklärt der Wissenschafter. Dabei handle es sich um eine Überreaktion des Immunsystems.

Wie Metastasen stoppen?

Was Legler und seine Arbeitsgruppe beschäftigt, ist speziell der Weg, den die dendritischen Zellen bis in die Lymphknoten zurücklegen, wo Botenstoffe ins Spiel kommen und ein Rezeptor, der die Zellwanderung reguliert. Diesen Signalübertragungs-Mechanismus besser zu verstehen, ist Inhalt des aktuellen Projekts.

Als «Nebenprodukt» dieser Forschung bezeichnet Legler die Bekämpfung von Tumor-Metastasen, allen voran beim Brustkrebs. «Wie kann man sie stoppen?», sei die zentrale Frage. Eine Antwort darauf sei bisher nur bruchstückhaft möglich. «Bekannt ist aber, dass dieselben Botenstoffe und der Rezeptor beteiligt sind.»

Verfahren entwickelt

Einen ersten Erfolg hat das Team in Kreuzlingen bereits zu verbuchen. Es wurde ein Verfahren entwickelt, das die Herstellung von dendritischen Zellen aus Blutzellen ermöglicht. Ausserdem habe eine natürliche Substanz identifiziert werden können, die die Funktion des Botenstoff-Rezeptors positiv beeinflusse, freut sich Daniel Legler. Diese Funktion zum Beispiel mit einem Medikament zu beeinflussen, werde in Zukunft eine Möglichkeit der Krebsbekämpfung sein.

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