Den Arbeitsplatz in der Baumkrone

Sie befinden sich oft bis zu 20 Meter über dem Boden: Baumpflegespezialisten. Florian Meyer von der Baumart AG in Frauenfeld erzählt bei seinem Einsatz auf einer Silberweide, worauf es in diesem Beruf ankommt. Eine Reportage von Perrine Woodtli (Text) und Reto Martin (Fotos).

Drucken
Teilen
Mit einer Leiter geht es für die Baumpfleger auf den ersten Ast. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Mit einer Leiter geht es für die Baumpfleger auf den ersten Ast. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

WEINFELDEN. Auf dem Pausenplatz des Martin-Haffter Schulhauses ist es ruhig. Kein Wunder, es sind Frühlingsferien und die Kinder zu Hause. Da gibt es einen Knall: Ein dicker Ast prallt erst auf einen Zaun, dann auf den Boden. «Sicher nicht auf den Zaun», ertönt es von oben. Florian Meyer von der Baumart AG in Frauenfeld sitzt in der Baumkrone und lacht. Einige Äste über ihm klettert der Lehrling herum. Die beiden schneiden heute eine Silberweide. «Ich komme gleich runter», ruft Meyer mit lautstarker Stimme – bei der Distanz von gut 20 Metern ist dies auch nötig. Es knirscht und knackst in den Ästen und kurz darauf hat Florian Meyer wieder festen Boden unter seinen Füssen.

Sicherheit an erster Stelle

Ein rot-weiss-gestreiftes Absperrband ziert den Pausenplatz. Hier ist Sicherheit das oberste Gebot. Dies gilt für Baum sowie Mensch. Nachdem die Baumpflegespezialisten den Gefahrenbereich abgesperrt haben, kümmern sie sich um ihre eigene Sicherheit. Die Ausrüstung von Baumpfleger Florian Meyer ähnelt jener eines Bergkletterers. Trotzdem gebe es wichtige Unterschiede. «Im Gegensatz zu Kletterern sichern wir uns laufend selbst ab», sagt Meyer. «Es unterscheidet sich ja auch vom Gebiet her, auf dem man sich bewegt. Oben in den Ästen kann es zudem manchmal ganz schön wackelig sein, wenn es windet.»

Der Einsatz an der Silberweide ist Routinearbeit für Meyer. Speziell sei der Baum aber trotzdem. «Es ist ein wirklich schöner Baum. Diese Baumart ist eher brüchig, darum muss man sehr gut aufpassen, wo man sich sichert und rauf klettert.» Die Äste der laut Meyer etwa 80jährigen und 20 Meter hohen Weide, wachsen in alle Richtungen in die Höhe und werden zunehmend dünner. «Es ist aber möglich, auch auf diesen Ästen zu klettern», sagt Meyer und ergänzt: «Man muss einfach besser aufpassen.» Die Silberweide auf dem Schulhof wird vom Totholz befreit, um die Sicherheit der Kinder und der Lehrer zu gewährleisten. «Man sollte einen Baum alle Jahre kontrollieren und prüfen, ob es was zu tun gibt.» Bei ihren Einsätzen achten die Baumpfleger auf das Wohlergehen des Baumes. So gibt es Seile, die der Rinde durch die ständigen Reibungen nicht zu sehr schaden. Auch wird mit Handsägen geschnitten – dem Baum zu Liebe. «Mit einer Handsäge kann man genauer sägen.»

300 Baumarten auf lateinisch

Meyer ist seit fünf Jahren Baumpflegespezialist, vor einem Jahr hat er die vierjährige Ausbildung bei der Baumart AG in Frauenfeld erfolgreich abgeschlossen. Zuvor musste er wie alle eine Erstausbildung absolvieren. «Die meisten haben zuerst Forstwart oder Landschaftsgärtner gelernt.» Für Letzteres hatte auch er sich entschieden. «Meine Ausbildung zum Landschaftsgärtner war mir in vielen Dingen hilfreich. Ich musste beispielsweise auch dort die Baumarten auswendig lernen.» Ein Baumpflegespezialist kennt etwa 300 Baumarten – auf lateinisch. Auch war Meyer im Umgang mit Pflanzen und Bäumen bereits vorbereitet. Allerdings ist er heute nicht immer damit zufrieden, wie er damals als Landschaftsgärtner gearbeitet hat. «Wenn ich daran denke, wie ich damals einen Baum geschnitten habe, stehen mir die Haare zu Berge», sagt Meyer und schüttelt den Kopf. Dass nicht nur Baumpfleger, sondern auch Landschaftsgärtner Bäume pflegen, ist den Spezialisten oft ein Dorn im Auge. «Uns wäre es lieber, wenn wir diese Aufträge übernehmen könnten, da die Bäume oft nicht fachgerecht gepflegt werden», sagt Meyer. Es habe sich aber in den vergangenen Jahren verbessert. «Heute klappt die Zusammenarbeit deutlich besser und die Landschaftsgärtner wissen, wie man mit Bäumen umgeht.»

Männerdominierte Branche

Den Beruf Baumpflegespezialist gibt es seit Anfang der Neunzigerjahre. Der Beruf hat sich bisher aber nur in der Männerwelt etabliert. Um die Frauenquote steht es bei den Baumpflegespezialisten eher schlecht. «Meines Wissens gibt es bloss fünf bis sechs Frauen in der Schweiz, die ausgebildete Baumpflegespezialistinnen sind.»

Meyer vermutet, dass dies daran liegt, dass der Beruf enorm viel Kraft erfordert. Diese benötigt – wie es ausschaut – auch der Lehrling, der immer noch in den Ästen klettert und Totholz auf den Boden krachen lässt. Nach und nach sichert er sich ab, klettert und zieht sich von Astgabel zu Astgabel. Auf die Frage, wie lange der Lehrling bereits dabei ist, antwortet Meyer lachend: «Seit gestern.» Es sei normal, dass man direkt ins kalte Wasser geworfen werde. «Bei unserem Betrieb gilt <Learning by doing>. Man lernt nicht Bäume schneiden und Klettern vom Boden aus.». Am Anfang wisse man noch nicht, wie man die Seile mit der richtigen Technik nutzen könne. Somit mache man alles mit Kraft, was enorm anstrengend sei. Nebst Kraft gehört aber vor allem eins noch dazu: schwindelfrei sein. Dies sei für Meyer noch nie ein Problem gewesen. Ausserdem befänden sich Baumpfleger ja nicht nur in der Höhe. «Zu unseren Dienstleistungen gehören Baumdiagnose, Pflege, Schutz, Schnitt, Sicherung, Fällung, Pflanzung und Jungbaumpflege.» Auf die Frage, ob Meyer bereits einmal einen Unfall hatte, schüttelt er den Kopf. «Zum Glück nicht. Das jemand runter fällt, passiert sowieso fast nie.» Manchmal komme es vor, dass sich jemand nicht sorgfältig genug gesichert habe und dann ein Stück hinunter falle, aber noch am Seil hänge. «Oder jemand wird von einem Ast getroffen, der runter fällt.» Florian Meyer ist erstaunt, als er bemerkt, wie viel er gelernt hat in den vergangenen Jahren. Den perfekten Vergleich hat er heute: Es war genau diese Silberweide, die er als Lehrling in seiner Anfangszeit schneiden musste. «Wenn ich jetzt wieder auf genau dem selben Baum stehe, merke ich, was für Fortschritte ich tatsächlich gemacht habe.» Warum Florian Meyer diesen Beruf ausübt, ist für ihn klar. «Es ist eine sehr sinnvolle Aufgabe und es ist schön, etwas für die Umwelt zu tun. Und Bäume, die gepflegt werden müssen, gibt es schliesslich überall.»

In der Baumkrone werden zusätzliche Seile gespannt, an denen sich die Baumpfleger sichern und auch orientieren können. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

In der Baumkrone werden zusätzliche Seile gespannt, an denen sich die Baumpfleger sichern und auch orientieren können. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Florian Meyer Baumpflegespezialist Baumart AG in Frauenfeld (Bild: pd)

Florian Meyer Baumpflegespezialist Baumart AG in Frauenfeld (Bild: pd)

Florian Meyer sichert sich mit mehreren Seilen ab. Mit speziellen Techniken fällt es ihm leichter, von Ast zu Ast zu klettern. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Florian Meyer sichert sich mit mehreren Seilen ab. Mit speziellen Techniken fällt es ihm leichter, von Ast zu Ast zu klettern. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Aktuelle Nachrichten