Dem Tabu zu Leibe rücken

Psychische Krankheiten werden oft verschwiegen. Die Kampagne «Wie geht's Dir?» will das ändern: Auf vier Sujets sind jeweils zwei Menschen in Alltagssituationen zu sehen. Sie reden über alles. Auch über psychische Krankheiten.

Evi Biedermann
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Gemeinsame Kampagne: Beatrice Neff, Perspektive, Stephan Trier, Klinik Aadorf, Judith Hübscher, Gesundheitsförderin, Regierungsrat Jakob Stark. (Bild: Evi Biedermann)

Gemeinsame Kampagne: Beatrice Neff, Perspektive, Stephan Trier, Klinik Aadorf, Judith Hübscher, Gesundheitsförderin, Regierungsrat Jakob Stark. (Bild: Evi Biedermann)

FRAUENFELD. «Wie geht es dir?» oder Thurgauer Varianten wie «Wie goht's» und «wie häsch es?» ist wohl die häufigste Frage, die wir im täglichen Umgang mit Menschen hören oder selber stellen. «Es goht eso», geben wir dann gern zur Antwort. Die einen mit freundlichem Lächeln, die andern mit ausweichendem Blick. Weiss der Fragende nun mehr? Will er das überhaupt? Und erführe er mehr, wenn er nachfragen würde?

In der Kampagne «Wie geht's dir?» erhält diese meist rhetorisch gestellte Frage ein anderes Gesicht. Sie ist Zentrum der Kampagne, die vor einem Jahr von der Stiftung Pro Mente Sana und den Kantonen Zürich, Bern, Luzern und Schwyz lanciert wurde und thematisiert psychische Erkrankungen respektive den zwischenmenschlichen Umgang damit.

Kanton Thurgau neu dabei

Vor allem aber will die Kampagne sensibilisieren dafür, dass es wichtig ist, über psychische Krankheiten offen zu sprechen. Auch will sie aufzeigen, dass diese behandelt werden können. Seit diesem Monat läuft die Kampagne im Kanton Thurgau. Die psychische Gesundheit zu fördern und zu erhalten sei eines der strategischen Ziele, die sich der Kanton gesetzt habe, hielt Regierungsrat Jakob Stark an der gestrigen Medienorientierung fest. «Psychische Krankheiten sind weit verbreitet, leider aber sehr häufig mit einem Tabu behaftet.»

Die Kampagne wendet sich mit Plakaten, Broschüren und einer Website an die Öffentlichkeit. Seit wenigen Tagen hängen im Thurgau die ersten Plakate in Bussen und Thurbo-Zügen. Die Sujets zeigen alltägliche Situationen, dazu mögliche Gesprächsinhalte wie «Hagel, Jass, Depression» oder «Flirt, Schule, Magersucht», mit dem Kommentar: «Wir reden. Auch über psychische Krankheiten.» Verteilt werden auch Schokomünzen und Broschüren. Aufgelegt werden diese in den Gemeinden, aber auch in Coiffeurgeschäften. «Coiffeure werden häufig in private Gespräche verwickelt», begründete Beatrice Neff von Perspektive Thurgau diesen Fokus.

Positive Rückmeldungen

Wie erste Evaluationsergebnisse zeigen, findet die Kampagne nach einem Jahr hohe Zustimmung. «Im Kanton Zürich gaben 94 Prozent der Befragten ein <sehr gut> ab», erklärte Beatrice Neff. Auch Betroffene äusserten sich positiv. «94 Prozent erklärten, dass sie sich durch die Kampagne nicht diskriminiert fühlten.» Ziel und Herausforderung sei nun, möglichst viele Menschen zu erreichen. «Wenn nicht über psychische Erkrankung geredet wird, werden Betroffene und oft auch deren Angehörige isoliert», erklärte Jakob Stark.

Das führe leider oft auch dazu, dass psychische Krankheiten in manchen Fällen erst spät oder gar nicht erkannt und behandelt werden. «Das wollen wir vermeiden», erklärte Stark.