Dem Echten auf der Spur

weinfelden. Das Echte, Authentische, Ursprüngliche finden und im Berufsleben erfolgreich umsetzen: Aspekte und Lösungsansätze zu diesem vielschichtigen Thema hat das diesjährige Wirtschaftsforum Thurgau gestern in Weinfelden erörtert.

Martin Sinzig
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Sucht Kundenkontakt: Migros-Chef Herbert Bolliger. (Bild: Martin Sinzig)

Sucht Kundenkontakt: Migros-Chef Herbert Bolliger. (Bild: Martin Sinzig)

Bereits zum 12. Mal trafen sich gestern weit über 200 Vertreter aus der Thurgauer Wirtschaft und Politik zum Zuhören, Austauschen und Netzwerken. Das Wirtschaftsforum Thurgau verzeichnete die zweithöchste je erreichte Teilnehmerzahl und wurde einmal mehr unter dem Patronat des Thurgauer Gewerbeverbandes und der Industrie- und Handelskammer Thurgau durchgeführt.

Sehnsucht nach dem Echten

Die Tagung näherte sich dem vielschichtigen Thema der Authentizität an und versuchte herauszuschälen, was Kunden und Mitarbeiter wirklich suchen. Auf diese Suche machten sich sehr unterschiedliche Referenten mit ebenso unterschiedlichen Ansätzen und Ideen. David Bosshart, Leiter des Gottlieb-Duttweiler-Instituts in Rüschlikon, bestätigte die wachsende Sehnsucht nach Authentizität. «Die Leute wollen wieder echte Bilder sehen, wollen richtig schmecken, riechen und hören», illustrierte der weltweit beschäftigte Referent die spürbare Hinwendung zum Echten, Glaubwürdigen und auch qualitativ Nachvollziehbaren. Gewordenes, historisch Gewachsenes werde wieder wichtig, ebenso das Erlebnis gegenüber der rein materiellen Welt. Grosses Potenzial ortete Bosshart unter anderem für die Landwirtschaft.

Leidenschaft fürs Gemüse

Eine besondere Art der Authentizität fand der Österreicher Erich Stekovics, der vom katholischen Theologiestudium in die Landwirtschaft wechselte, um einer ganz besonderen Leidenschaft zu frönen, dem Anbau von mittlerweile über 3000 alten Tomatensorten. Seine Philosophie, die Pflanzen unter freiem Himmel ganz dem Lauf der Natur zu überlassen, ohne Blick auf Aussehen und Ertrag, habe sich bewährt, ebenso die Gewohnheit, mit seinen Kunden jeweils vier Stunden durchs Feld zu gehen und alte Gemüsesorten neu zu entdecken, Wissen weiterzugeben. Der Betrieb sei nicht gewachsen, sondern explodiert und habe Wachstumsraten von bis zu 173 Prozent gebracht, berichtete Stekovics.

Migros statt Formel 1

Im Gespräch mit der Tagungsmoderatorin Mona Vetsch ging Herbert Bolliger, Präsident der Generaldirektion des Migros- Genossenschaftsbundes, ebenfalls auf Ursprünge zurück. Die Grundhaltung des grössten Schweizer Detailhandelsunternehmens könne nicht mehr direkt auf den Geist Gottlieb Duttweilers zurückgeführt werden. Werte wie das Kulturprozent seien aber geblieben. Persönlich am meisten Freude bereite es ihm, die Läden zu besuchen und mit den Leuten zu reden, erklärte der Chef von 80 000 Mitarbeitenden, der als Schüler eigentlich Formel-1- Rennfahrer werden wollte.

Die Verletzung des Privaten

Einen politischen Akzent setzte Kurt Imhof, Professor für Publizistikwissenschaft und Soziologie an der Uni Zürich. Er kritisierte die Sommerlochs-Treibjagden des «spätmodernen Rudeljournalismus». Sie verursachten den sozialen Tod derjenigen, die sie erlegt hätten. Wenn das Schule mache, «wenn wir also die privaten Geheimnisse öffentlich machen, werden wir kein Führungspersonal mehr haben, weder in der Politik noch in der Wirtschaft oder im Militär».

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