Das Wunder vom Eggethof

EGGETHOF. Am 20. Juli 1944 stürzte in der Gemeinde Langrickenbach ein amerikanischer Bomber ab. Die Druckwelle schleuderte ein Baby samt Bettzeug aus dem Kinderwagen – den heute siebzigjährigen Ernst Schönholzer aus Weinfelden. Seither feiert er zweimal im Jahr Geburtstag.

Esther Simon
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Heute noch nachdenklich: Ernst Schönholzer aus Weinfelden im Eggethof, wo am 20. Juli 1944 der amerikanische Bomber abstürzte. (Bild: Nana do Carmo)

Heute noch nachdenklich: Ernst Schönholzer aus Weinfelden im Eggethof, wo am 20. Juli 1944 der amerikanische Bomber abstürzte. (Bild: Nana do Carmo)

Führerlos stürzt der viermotorige amerikanische Bomber am 20. Juli 1944 um 9.45 Uhr zwischen dem Schulhaus und dem Restaurant Säntisblick ab. Alle zehn Mitglieder der Crew haben sich mit dem Fallschirm retten können. Aber die Soldaten wissen nicht, wo sie sind. Und vor allem ahnen sie nicht, welches Wunder sich gerade am Boden ereignet hat.

Ein paar Schürfungen

Im Schatten eines Kirschbaumes, etwa 15 Meter vom «Säntisblick» entfernt, schlummert Ernst Schönholzer in seinem Kinderwagen. Er war am 19. November 1943 als ältester Sohn des «Säntisblick»-Wirts Ernst Schönholzer geboren worden. Die Druckwelle schleudert das Kind samt Wagen und Bettzeug etwa acht Meter fort. Der Säugling erleidet ein paar Schürfwunden an Gesicht und Händen. Der an die Unfallstelle herbeigeeilte Dr. Meuli aus Altnau fährt das Kind und dessen Mutter mit dem Auto ins Spital Münsterlingen.

Vom Unglück hat Ernst Schönholzer nur eine kleine Narbe an der Hand davongetragen. Im Spital stellen die Ärzte zusätzlich eine Gehirnerschütterung fest. «Meine Frau Ulla sagt manchmal, dass man das immer noch merkt», scherzt der heute siebzigjährige Schönholzer.

Grosse Achtung vor der Mutter

«Ich musste dann zur Beobachtung im Spital bleiben», sagt Schönholzer. «Das heisst, meine Mutter lief den langen Weg nach Eggethof zu Fuss zurück. Ich habe heute noch eine grosse Achtung vor dieser Frau, dass sie diesen Weg auf sich genommen hat. Denn zu Hause fand sie ja nur eine Trümmerwüste vor. Dazu kam die Sorge um ihr Kind.» Tatsächlich zeigt sich an der Absturzstelle, als die Frau heimkommt, immer noch ein Bild der Verwüstung. Ein Polizist aus Siegershausen, der schon um 10 Uhr an der Absturzstelle ist, rapportiert grosse Schäden an seine Vorgesetzten.

Beiträge vom Staat

Dutzende Bäume hat der brennende Bomber wegrasiert oder geknickt, der Schopf beim «Säntisblick» liegt zur Hälfte am Boden, Strom- und Telefonleitungen sind beschädigt, Trümmerteile liegen im Umkreis von mehreren hundert Metern, das Transformatorenhäuschen muss später abgebrochen werden. Ortswehr und Militär kommen zu Hilfe. Verschiedene Betroffene werden später aus der thurgauischen Staatskasse Beiträge erhalten – gemäss einem Bundesratsbeschluss zur Deckung von Schäden, die durch Neutralitätsverletzungen entstanden sind.

Treffen in New Orleans

Der in Eggethof abgestürzte amerikanische Bomber hatte zuvor die Dornier-Werke in Friedrichshafen bombardiert und war noch über deutschem Gebiet am Flügeltank getroffen worden. Besonders berührt hat Ernst Schönholzer das Schicksal des Navigationsoffiziers Abraham Thompson. Der Einsatz vom 20. Juli 1944 war sein fünfzigster Feindflug, nachher hätte er nach Hause zurückkehren können. «Ich habe jahrelang nach der Mannschaft gesucht», sagt Schönholzer, «aber nichts herausgefunden. Da meldete sich Thomas Keller bei mir, ein in die USA ausgewanderter Güttinger. Er erzählte mir von einem Ehemaligentreffen in New Orleans, an dem auch ein ehemaliges Besatzungsmitglied des abgestürzten Bombers dabei sei.» Schönholzer fliegt nach New Orleans und trifft dort zu seiner grossen Freude Thompson. Schönholzer ist gerührt: «Oh mein Baby, hat er mich begrüsst.»

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