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Das Wahrzeichen überragt sie bald alle

Mühle Matzingen
Samuel Koch
Bei Nacht erscheint das altehrwürdige Mühlegebäude neu in modernem Look. (Bild: Andrea Stalder)

Bei Nacht erscheint das altehrwürdige Mühlegebäude neu in modernem Look. (Bild: Andrea Stalder)

Rio de Janeiro hat die Christus-Statue, Paris den Eiffelturm, London den Big Ben – Matzingen hat seine Mühle. Mehr als 45 Meter hoch: Hätte es in Matzingen eine mit Wolkenkratzer dominierende Skyline, die Mühle wäre das Empire State Building. Insgesamt elf Stockwerke: Hätte es keinen Lift im geschichtsträchtigen Gebäude in unmittelbarer Nähe zur Murg, die modernen Wohn- und Gewerberäume blieben allesamt leer. In der Nacht auffallend lilafarbenes und grünbläulich schimmerndes Licht bei der Lounge in den obersten Stockwerken: Hätte das Dorf im Murgtal einen direkten Meeranschluss, die Mühle würde glatt als Leuchtturm durchgehen.

Weil aber die Realität nicht im Konjunktiv liegt, geht der Blick grammatikalisch zurück in den Indikativ. Die Schweiz ist und bleibt ein Binnenland, trotzdem nutzte Matzingens Gemeindepräsident in der Retrospektive zu den aufwendigen Umbauarbeiten immer wieder die Analogie zum Leuchtturm. Würde er diese einmalige Chance zur Profilierung seiner Gemeinde nicht nutzen, könnte er von seinen Einwohnerinnen und Einwohnern getrost als Leuchte bezeichnet werden. Das Leben im Konjunktiv ist ja so realitätsfremd.

Weniger realitätsfremd zeigt sich ein Blick in die Geschichtsbücher. Historisch erstmalige Erwähnung findet die Mühle Matzingen in Schriften aus dem frühen 12. Jahrhundert. Hunderte Jahre später, 1886, wird die Familie Ringold Besitzerin des Gebäudes, das zwischenzeitlich als Backstube, aber auch als Waschhaus oder als Schweinestall genutzt wird. Danach erhält die Mühle wieder ihren ursprünglichen Sinn, womit 1931 der Bau des älteren roten Getreidesilos folgt. Offensichtlich florierte das Geschäft der Ringolds, weshalb in den 1950er-Jahren der grüne, noch höhere Siloturm folgte. Hunderte Jahre war das Wahrzeichen also schon auf dem Buckel, doch eigentlich liegt die Geburtsstunde des Leuchtturms erst wenige Jahrzehnte zurück. Flögen vermehrt Passagierflugzeuge über das Murgtal, die Piloten verkündeten den Gästen mit Fensterplatz rechts bei jedem Überflug: «Mit Blick nach rechts sehen Sie jetzt das Matzinger Wahrzeichen namens Mühle.» Das Leben im Konjunktiv ist ja so realitätsfremd.

Das Etikett mit der Aufschrift «Höchster Turm über dem Murgtal» darf sich weiterhin der Frauenfelder Stählibuckturm anheften. Das Ausflugsziel hoch über der Kantonshauptstadt dürfte jedoch neidlos anerkennen, dass es mit dem luminösen Pendant aus Matzingen nun nicht mehr mithalten kann. Selbst die vielen Dutzend Handyantennen in der Region packen gegen das Matzinger Monument bedenkenlos ein. Der Glaube an das Wahrzeichen der Region schlechthin liesse das Selbstbewusstsein der Matzinger Bevölkerung in schwindelerregende Höhen katapultieren, dass plötzlich ein leiser Anspruch von Matzingen als Kantonshauptort aufkäme. Wer in der Wohnung im obersten Stockwerk wohnt und quasi über dem Murgtal thront, fühlte sich schnurstracks als König des Bezirks Frauenfeld und forderte einen Sitz im Regierungsrat. Das Leben im Konjunktiv ist ja so realitätsfremd.

Vor rund 20 Jahren war es dann das Wirtepaar Inauen, welches im Areal mit gemischter Nutzung aus Gewerbe und Wohnen das Restaurant Mühli eröffnete. Im kommunalen Zonenplan existiert gar eine eigens benannte Mühlezone – eine raumplanerische Huldigung par excellence. In jüngster Vergangenheit dann sicherte sich die Frauenfelder Böni Immobilien AG das Areal, entwarf Pläne für einen Umbau und begann 2016 in behutsamer Begleitung der kantonalen Denkmalpflege mit dem Abbruch der imposanten Silos. Auf einer Videoplattform im Internet finden sich etliche Kurzfilme. Sogar in einem über achtminütigen Zeitraffer lässt sich die Entwicklung über Wochen und Monate nachverfolgen. Anfragen der Hollywood-Studios stünden kurz bevor, einzige noch Unbekannte des geplanten Streifens stelle das Datum des Kinostarts dar. Das Leben im Konjunktiv ist ja so realitätsfremd.

Übrigens: Das Credo als höchstes Wohngebäude im Bezirk Frauenfeld sahnt die Mühle nicht ab. Noch nicht! Denn sobald das 60 Meter hohe Bettenhaus im Kantonsspital Frauenfeld laut den Plänen des Projekts Horizont bis voraussichtlich Ende 2020 ausgedient hat und abgebrochen wird, überragt der Matzinger Leuchtturm alle – zumindest im grössten Thurgauer Bezirk. Das ist alles andere als realitätsfremd, sondern baldige Wahrheit.

Samuel Koch

samuel.koch@thurgauerzeitung.ch

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