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Das Verschwinden des Heiri Flach

Der Horner «Bahnhof»-Wirt wollte Anfang Februar 1963 den Bodensee mit einem Velosolex überqueren. Er kehrte nie zurück und wurde als verschollen erklärt. Sein Freund Willi Langenberger ist der letzte, der Flach noch gesehen hat.
Das «Bahnhöfli» in Horn, wo der Zürcher Heiri Flach damals wirtete. (Bild: Urs Bucher)

Das «Bahnhöfli» in Horn, wo der Zürcher Heiri Flach damals wirtete. (Bild: Urs Bucher)

Auf einem Velosolex fuhr er los aufs grosse Eis, doch der Mann mit dem blauen Lodenmantel kehrte nie zurück. Willi Langenberger, in Horn direkt am See aufgewachsen und bei der Seegfrörni 36 Jahre alt, war der letzte, der Heiri Flach sah. Langenberger erinnert sich gut an Heiri Flach, der in den 1950er-Jahren aus dem Kanton Zürich nach Horn gekommen war und als Wirt das Restaurant Bahnhof zur Blüte brachte.

Alle Tische im «Bahnhöfli» seien weiss gedeckt gewesen, ausser dem Stammtisch, an dem die Horner Dorfpolitik gemacht worden sei, erinnert sich Langenberger. Heiri Flachs Frau habe ausgezeichnet gekocht, das habe sich weit herumgesprochen. Heiri Flach sei ein guter Gastgeber gewesen, freundlich, redselig – und eigenwillig. Den Oberthurgauer Dialekt habe er nie angenommen, Flach habe die Gäste mit seiner «Zürischnurre» unterhalten.

Nasses Sonntagsgewand

Einmal habe der «Bahnhof»-Wirt ihn gefragt, ob er ihn mit seinem Boot mitnehme zum Wasserskifahren. Langenberger willigte ein. Dass Flach keine Wasserski hatte, machte nichts. Langenberger bot ihm seine an. «Nein», sagte Flach, «ich nehme die Alpinski.»

Das sprach sich herum im Dorf – und an einem Sonntag war es so weit. Langenberger fuhr mit seinem Boot rückwärts ans Ufer, beobachtet von mehreren Dutzend schaulustigen Hornern. Da kam Heiri Flach. Im Sonntagsgewand, Skischuhe an den Füssen, Alpinski in der Hand. Wenn das nur gut ging? Flach stellte sich am Ufer auf. Er nahm das Zugseil in die Hand und gab das Okay für den Start. Langenberger drückte den Gashebel nach vorne, das Seil spannte sich – und Flach flog bäuchlings aus der Kabelzugbindung ins Wasser. Was für ein «Ränzler»!

Ein Bär in der Gartenbeiz

Die Zuschauer hielten sich die Bäuche vor Lachen und Horn war um eine Flach-Story reicher. Heiri Flach war's wurst. Apropos Wurst: Der heute 86jährige Willi Langenberger erinnert sich, dass eines Tages in der Gartenbeiz des «Bahnhöfli» unter einer prächtigen Kastanie ein Käfig mit einem Bären stand. Woher Heiri Flach das Tier hatte, blieb sein Geheimnis. Jedenfalls war der Bär beste Werbung für das Restaurant, jedenfalls einige Wochen.

Als die Anziehungskraft des Bären nachliess, liess Heiri Flach das Tier in Goldach in einer Metzgerei schlachten. Flach veranstaltete im «Bahnhof» eine «Bären-Metzgete». Langenberger sagt: «Die Bärensteaks und Bärenwürste waren köstlich.» Von weither seien Feinschmecker nach Horn gekommen, um Flachs Bärenwürste zu essen.

Entgegen allen Ratschlägen

Als der Bodensee im Winter 1962/1963 ganz zufror, war auch Heiri Flach einer von denen, die es wie besessen aufs Eis zog. Flach hatte einen Velosolex. Mit diesem wollte er den See überqueren. Wenige Tage nachdem der Fährbetrieb zwischen Romanshorn und Friedrichshafen eingestellt worden war, es war an einem Montagnachmittag um halb drei, fuhr Flach mit dem Velosolex an den See. Langenberger hatte als Feuerwehroffizier die Aufgabe, am Horner Ufer eine begehbare Eisfläche zu kontrollieren und abzusperren.

«Ciao Willi, ich fahre nach Langenargen», sagte Flach zu seinem Kollegen. «Nein Heiri, das darfst du nicht. Bleib hier!», rief ihm Langenberger zu. «Das Eis ist noch nicht zur Seeüberquerung frei.» «Das ist mir gleich»: Heiri Flach hörte nicht auf ihn. Er winkte noch und fuhr mit seinem Velosolex aufs Eis in den Nebel hinaus.

Als wär es gestern gewesen, sagt Willi Langenberger: «Heiri trug einen blauen Lodenmantel, der ihm bis zu den Knöcheln reichte.»

Suche mit Helikopter

Am frühen Nachmittag hatte der «Bahnhof»-Wirt auf dem Eis in Ufernähe mit seinem Velosolex Runden gedreht und trainiert. Dann verabschiedete er sich von seinem Freund, dem «Bad Horn»-Hotelier Jakob Giger. Auch Giger wollte Heiri Flach von seinem waghalsigen Unterfangen abhalten – ohne Erfolg. Es zog ihn einfach auf den See.

Flach kehrte nicht zurück. Giger erkundigte sich am nächsten Morgen beim Statthalter in Arbon, ob denn nach Heiri Flach gesucht werde. Die Antwort: Der See sei nie freigegeben worden, demzufolge bestehe auch kein Grund, den Vermissten zu suchen. So schilderte es Giger Ende Januar 1963 dem «Blick», der titelte: «Vermisster Horner auch von Helikopter nicht gefunden.» Denn Giger hatte die Rettungsflugwacht gebeten, eine Suchaktion nach Flach zu starten.

Vermutlich in Fahrrinne gefallen

Der Leichnam wurde nie gefunden. Langenberger nimmt an, dass Flach im Nebel die Orientierung verlor, linksherum im Kreis fuhr, in die erst schwach zugefrorene Fahrrinne der Fähre fiel und ertrank. Aber das sei reine Spekulation, sagt der Senior. Der 51jährige Heiri Flach wurde später als verschollen erklärt.

Daniel Wirth, sda

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