Das Schweigen ist am schlimmsten

Psychiatrie heute: Eine psychische Erkrankung belastet auch die Angehörigen. In Münsterlingen erhalten sie Unterstützung bei der Bewältigung der schwierigen Lebenssituation. Zudem können sie an Treffen mit anderen Angehörigen teilnehmen und sich mit ihnen austauschen.

Inge Staub
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MÜNSTERLINGEN. «Hallo, wie geht es dir? Was machen die Kinder?» – So oder ähnlich klingt die Begrüssung, wenn sich Bekannte und Freunde treffen. Angehörige von psychisch Kranken hören solche Sätze selten. «Wenn die Leute wissen, dass der Sohn oder die Partnerin psychisch krank sind, fragen sie mit der Zeit nicht mehr nach ihnen», sagt Hildegard Zäch, Präsidentin Vask Ostschweiz. Die Vask – Vereinigung Angehörige von Schizophrenie- und psychisch Kranken – kämpft gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung von psychisch Kranken und ihren Familien.

Psychische Krankheiten belasten nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch Eltern, Kinder oder Partner. Die Bewältigung der Situation ist für Angehörige oft eine Hängepartie zwischen Ohnmacht und Verantwortung. Unterstützung in dieser schwierigen Phase erhalten sie von den Psychiatrischen Diensten Thurgau in Münsterlingen.

Dort gibt es seit eineinhalb Jahren das «Abklärungs- und Aufnahmezentrum (AAZ)». Das AAZ-Team klärt nicht nur ab, welche Hilfe für die Kranken die beste ist. «Wir sind auch eine Anlaufstelle für Angehörige. Bei uns bekommen Verwandte und Freunde Unterstützung im Umgang mit ihrer eigenen Lebenssituation, mit Unsicherheiten und Gefühlen», sagen Waltraud Faschian, Dipl. Pflegefachfrau, und AAZ-Leiter Dr. Marko Hurst.

Es gibt nicht immer Auskunft

Die Angehörigen erhalten im AAZ ein Einzelgespräch, in welchem ihre Situation angeschaut wird. Nicht in jedem Fall bekommen sie Auskunft über die Krankheit und die Behandlung ihres Kindes oder ihres Partners. Das Pflege– und Ärzteteam respektiert, wenn erwachsene Patienten die Angehörigen zunächst nicht mit einbeziehen möchten.

Mit dem «Treffpunkt für Angehörige» bietet das AAZ Angehörigen die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen. Dieser Treff wird jeweils von einer Mitarbeiterin des AAZ geleitet. Von Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, können Angehörige auch bei den Treffen der Selbsthilfegruppe Vask Ostschweiz Rat und Hilfe erfahren. Das Beratungsangebot nutzen vor allem Frauen. Regula Lüthi, Pflegedirektorin der Psychiatrischen Dienste Thurgau, weiss: «Mütter machen sich ungeheure Sorgen, wenn eines ihrer erwachsenen Kinder psychisch erkrankt.»

Manche überfordern sich

Sie hat festgestellt, dass Angehörige von psychisch Kranken, wenn sie sich überfordern, ebenfalls krank werden – somatisch oder psychisch. Lüthi rät Angehörigen, darauf zu achten, dass sie nicht nur Partner, Mütter und Väter sind, sondern auch eigenständige Personen. In einer solchen Situation müssten Angehörige darauf achten, dass sie für sich selbst Sorge tragen und offen über die Krankheit reden. Sie hat festgestellt: «Viele Angehörige sprechen in vorauseilender Angst mit niemandem über die Krankheit.» Würden sie es jedoch schaffen, den Bann zu durchbrechen, würden sie vielfach auf Mitgefühl und Verständnis stossen. Zumal viele Menschen über ähnliche Erlebnisse berichten können. Regula Lüthi betont: «Die Gesellschaft muss lernen, dass auch bei psychischen Erkrankungen eine gezielte Behandlung nötig ist.»

Mittelweg gefunden

Es gibt Angehörige, die scheuen sich, das AZZ aufzusuchen, weil es auf dem Klinikgelände – also auf Münsterlingen Seeseite – liegt (siehe Kasten). Regula Lüthi verweist darauf, dass die Spital Thurgau AG mit dem Standort für das AAZ einen Mittelweg gefunden habe. Das Gebäude liege ganz am Rand des Areals und habe den Vorteil, dass man schnell auf dem Klinikgelände sei. Sollte es nötig sein, könnte das Fachpersonal von hier aus Patienten und Angehörigen die Stationen zeigen. Sie ermutigt die Angehörigen, die schöne Lage der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen für Spaziergänge mit den Betroffenen zu nutzen – so wie auch unzählige Touristen das Gelände erwandern.

Mehr Informationen unter: www.aaz-tg.ch www.vaskostschweiz.ch