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Das Raumschiff landete nicht

dozwil. «Erzengel Gabriel» alias Paul Kuhn, Oberhaupt des Gnadenwerks St. Michael, verkündete eine unheilschwangere Zeit. Statt dass ein Raumschiff landete und die Kinder errettete, kam es in der Landgemeinde Dozwil zu wüsten Ausschreitungen.
Max Eichenberger
Ausschreitungen am Muttertag 1988: Die Polizei versucht die gegen die St. Michaelsvereinigung randalierende Menge in Schach zu halten.

Ausschreitungen am Muttertag 1988: Die Polizei versucht die gegen die St. Michaelsvereinigung randalierende Menge in Schach zu halten.

Am Muttertag sind es zwanzig Jahre her, seit es in Dozwil, in einem sonst verschlafenen Thurgauer Dorf zwischen Romanshorner und Güttingerwald, zu Ausschreitungen gekommen ist. Mit zur Eskalation um die Michaelsvereinigung und ihr «göttliches Werkzeug», Paul Kuhn, hatte auch das Boulevardblatt «Blick» beigetragen. Dessen Reporter wurde später vom Bezirksgericht Arbon wegen Aufforderung zu Gewalttätigkeit verurteilt.

Raumschiff holt Kinder ab

Auslöser der fatalen Ereigniskette war eine «Botschaft» Kuhns, die rund einen Monat vor dem Muttertag 1988 verbreitet worden war. In dieser düsteren Prophezeiung hiess es: «Bald ist die Zeit da, wo Eure Kinder geholt werden – alle diese reinen, unschuldigen Geschöpfe Gottes sollen gerettet werden – sollen nicht diesen Heuschrecken und Skorpionen ausgesetzt werden, die Euch quälen werden – fünf Monate lang.» Diese sogenannte fünfte Botschaft trägt das Datum des 10. April 1988.

Geld für Information

Hundert Franken verdiente sich ein junger Dozwiler, als er diese Botschaft der St. Galler «Blick»-Redaktion zukommen liess. Aus den abstrusen Prophezeiungen Kuhns wurde medial der bevorstehende Weltuntergang heraufbeschworen. Ein Reporter roch Lunte und nistete sich im Striplokal «Brückenwaage» ein, dem weltlichen Gegenpol zum Heiligen Tempel Kuhns und dessen Gnadenort. Von dort aus heizte er die Stimmung an. Täglich berichtete das Massenblatt aus dem «Sektendorf». Und das Datum wurde gleich publizitätsträchtig festgelegt, wann «ein grosses Raumschiff» kommen und die Kinder erretten würde.

«Kinder in Todesangst!»

Welcher Tag böte sich besser an für ein solches Spektakel für Publikum und Medien als der Muttertag. Während die lokalen Behörden zu «Zurückhaltung und Toleranz» aufriefen, wiegelte das Boulevardblatt die Massen auf: «Stoppt diesen Sektenwahn!»; «Kinder in Todesangst»; «Unmenschlich, der Psychoterror der Dozwiler Weltuntergangssekte!»

Sache zum Kochen bringen

Dass ein Demonstrationszug gegen die St. Michaelsvereinigung geplant sei, wie «Blick» angekündigt hatte, musste die Polizei verneinen. Der Reporter, seinerseits von seinen Chefs angestachelt, die Sache zum Kochen zu bringen, animierte die Leute, nach Dozwil zu kommen; da passiere etwas. Dafür sorgte er indirekt gleich selber. Eine überdrehte Eigendynamik hatte die Regie übernommen. Andere witterten ein Geschäft. Ein Aushang bei der «Brückenwaage» verriet: «Restaurant wegen Raumschifflandung geöffnet».

Vorstoss zur Heiligen Grotte

Statt einer Ufo-Landung kam es zu Tumulten. Am Samstag bereits kamen Neugierige an den inzwischen national bekannten «Gnadenort» in der thurgauischen Idylle. Die Menge grölte. Gottesdienstbesucher wurden belästigt. Als die Anhänger der Michaelsvereinigung vor dem Mob flüchteten, hetzte der Reporter die «Demonstranten» gegen sie auf mit der Aufforderung «Gönd druff!» und «Mached emol öppis!» So drehten sie ein Auto aufs Dach. Bierflaschen flogen und Blumenkisten. Zuvor schon arrangierte der Reporter einen Kistenwurf in die Heilige Grotte durch einen Hellseher und Kuhn-Antipoden, der dafür ein abgemachtes Entgelt erwartete. Solche Sachen beriet man in der Beiz. Die Aktion wurde fotografiert und publiziert. Rauchpetarden schwängerten die Mailuft, Sicherheitskräfte bildeten einen Kordon. – Ein bisschen sah es im Thurgauer Bauerndorf über dem Bodensee so aus wie in Zürich 1968 und 1980.

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