Das Privileg der Seekinder

Thursicht

Martina Eggenberger Lenz
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Da heisst es immer, das Schweizer Bodenseeufer sei touristisches Entwicklungsland. Nun ja, das mag für die Zeit zwischen September und Juni vielleicht gelten. Seit aber Ferien sind, die Sonne so penetrant vom Himmel lacht und Hinz und Kunz über die Hitze klönt, scheint es nur noch einen Zufluchtsort zu geben: das rettende, halbwegs erfrischende Nass des Sees. Und plötzlich sind sie alle da, die Weinfelder und Wuppenauer, die Wittenbacher und Winterthurer.

Unten am Hausstrand geht es zu und her wie in Rimini. Zwischen den Badetüchern schaut kaum mehr ein Gräslein hervor. Vor lauter Schlauchbooten, Gummi-Einhörnern und Wurfzelten sieht man das eigene Kind nicht mehr. Die Luft stinkt nach Schweiss und Sonnenmilch. Akustisch wetteifern die Soundanlagen der Pubertierenden mit Warnrufen von Müttern – «nöd z wiit usse!» – und dem obligaten Geheul der Goofen. Am Glacestand ist die Lieblingssorte ausverkauft. Und im Seerestaurant kommt nur noch mit Reservation was auf den Teller.

Es ist wieder die Zeit, in der wir Einheimischen uns in unsere Gärten zurückziehen oder zum Bräteln in den Wald fahren. An den See getrauen sich viele höchstens noch frühmorgens oder beim Eindunkeln. Aber trotz allem ist es ein gutes Gefühl, wenigstens für zwei Monate im Jahr an einem Hot Spot zu leben. Wenn man dann noch mitbekommt, wie ein Badegast zum anderen sagt: «Es ist so schön hier. Hier müsste man leben», dann ist auch der letzte Funken Fernweh, den man im Sommer noch haben könnte, verflogen.

Martina Eggenberger Lenz

martina.eggenberger@ thurgauerzeitung.ch