Das Pflaster löst den Stempel ab

Wer nach einem Herzstillstand nicht wiederbelebt werden möchte, konnte das bisher mit einem Stempel auf seiner Brust kundtun. Neu sollen Pflaster diese Funktion übernehmen: Sie können datiert und unterschrieben werden.

Caspar Hesse
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Unterschreiben und auf die Brust kleben: Patientenverfügung gegen Reanimation. (Bild: pd)

Unterschreiben und auf die Brust kleben: Patientenverfügung gegen Reanimation. (Bild: pd)

GÜTTINGEN. Nicht immer gelingt eine Reanimation. Es können Schäden zurückbleiben, die die Lebensqualität wesentlich einschränken. Wer solche Situationen von vornherein ausschliessen möchte, kann seit 2011 einen Stempel unter www.nocpr.ch bestellen und sich ein Zeichen auf die Brust stempeln, dass man auf lebenserhaltende Massnahmen verzichten möchte. In Kombination mit einer aktuellen und unterschriebenen Patientenverfügung, die man auf sich tragen muss, wird ein solcher Wunsch in der Regel akzeptiert. So handhabt das zum Beispiel auch die Spital Thurgau AG.

«No CPR» besagt, dass man auf Herz-Lungen-Reanimation verzichten will (C steht für Cor, P für Pulmonal und R für Reanimation). Richtiggehend zur Lancierung des Stempels angefeuert wurde Angelina Horber übrigens von der verstorbenen TZ-Fotografin Susann Basler, die sie in ihren letzten Lebenswochen gepflegt hat. Die Güttingerin hat in den letzten vier Jahren eine grössere Menge Stempel abgesetzt, auch in Deutschland.

«Ausserordentlich frech»

Seit dem Start im Jahr 2011 hat sich die Einstellung gegenüber dem Stempel merklich gebessert. «Man fand es zuerst ausserordentlich frech, dass so etwas lanciert wird, noch dazu von einer Krankenschwester.» Am Telefon kann Horber heute darüber lachen. Aber auch von Kantonsarztseite eines Schweizer Kantons kam der Vorwurf, sie würde «unbedachterweise etwas anzetteln». Heute sei die Stimmung positiver: «Oftmals sind es Sanitäter, die nun froh sind, wenn sie in aussichtslosen Fällen nicht auf die ärztliche Entscheidung auf Abbruch der Massnahmen warten müssen, wenn der Patient verfügt hat, dass er keine Massnahmen wünscht.»

Interessant sind für Horber die Erfahrungen mit Gläubigen. Kirchliche Kreise stünden dem Stempel eher skeptisch gegenüber: Man dürfe Gott nicht «dreinpfuschen» und das Leben selber beenden. Die konträre Meinung komme aus den Freikirchen. Mit dem Stempel pfusche man Gott nicht drein, weil man mit dem Leben abschliesse, wann der Zeitpunkt gekommen sei, und es nicht noch künstlich verlängere. Daher sei die Ablehnung in Österreich mit der starken katholischen Kirche stärker als in der Schweiz. Auch der Glaube an den Arzt sei in Österreich noch stärker. In der Schweiz werde mehr «gegoogelt» vor dem Arzttermin, zu dem man «seine Wunschliste mitbringt» und direkter mit dem Thema Sterben umgeht.

«Nun lassen wir den Stempel auslaufen», sagt Horber. Er soll durch ein Pflaster ersetzt werden. Der Vorteil ist, dass man das Pflaster datieren und unterschreiben kann. So trägt man die Patientenverfügung direkt auf der Haut, und der Sanitäter oder Arzt muss nicht erst noch nach der Patientenverfügung suchen, wenn er den Stempel sieht. Das Pflaster hält bequem mindestens drei Tage.

Präjudiz wäre hilfreich

Bisher habe Angelina Horber Rückmeldung aus dem Umkreis von drei Personen erhalten, die «gehen durften». Dabei handelte es sich um Fälle im häuslichen Bereich, das heisst, Angehörige konnten den Willen des Patienten bestätigen.

Wenn auf eine Reanimation verzichtet wird, besteht unter Umständen die Gefahr einer Anklage wegen unterlassener Hilfeleistung. Umgekehrt ist es aber auch möglich, auf Körperverletzung zu klagen, wenn eine Person am Leben erhalten wird und mit Einschränkungen leben muss, obwohl diese Person lieber gestorben wäre. Hier wäre ein Präjudiz hilfreich, findet Horber.

Für nocpr.ch wird nicht geworben, aber Angelina Horber ist in Kontakt mit Ärzten und den Verbänden chronisch Erkrankter. Sie weisen ihre Patienten auf den Stempel hin, und bald auch auf das Pflaster. Die Marke «No CPR» ist in Europa und Nordamerika geschützt.