Das Papierknäuel ist grenzwertig

WIL. Regelmässig prüfen Mitarbeiter von Thurbo, ob die Wagenreiniger ihre Arbeit gut erledigen. Die Thurgauer Zeitung war bei einer solchen Kontrolle dabei. Zahlreiche Punkte werden bei den Kontrollen überprüft.

Martin Knoepfel
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Bahnhof Wil Leiter Produkt und Qualität Jean-Christophe Thieke (Bild: Stefan Beusch)

Bahnhof Wil Leiter Produkt und Qualität Jean-Christophe Thieke (Bild: Stefan Beusch)

WIL. Morgens um halb fünf kann man die Passagiere im Bahnhof Wil an den Fingern abzählen. Der Nebel hängt tief, wie wenn er sich an den Zügen festklammern wollte. Am Perron 1 wartet Jean-Christophe Thieke, Leiter Produkte und Qualität bei Thurbo. Er oder seine Mitarbeiter prüfen einmal im Monat in Wil, wie die Putzequipen arbeiten. Thurbo hat die Innenreinigung den SBB übertragen. Solche Kontrollen gibt es auch an anderen Orten, etwa Kreuzlingen.

Der Blick unter die Bänke

Thieke hat mir eine Warnweste mitgebracht. Ohne die läuft nichts bei der Bahn. Erste Station ist der Triebwagen, der auf Gleis 3 steht und um 5.02 Uhr nach Altstätten fahren wird. Auf mich wirkt er sauber. Thieke öffnet jeden Papierkorb. Ein Papierknäuel ist «grenzwertig». Thieke bückt sich, blickt unter die Sitzbänke und zieht die Klappsitze nach vorn – zur Funktionskontrolle und weil dort eine Zeitung stecken könnte. Er öffnet das WC. Drei Ersatzrollen WC-Papier sollten da sein. Sie sind es. Zuletzt füllt er die Checkliste aus. Die Ergebnisse der Kontrollen besprechen Vertreter von Thurbo und SBB regelmässig. Ohne Presse dauern Kontrollen fünf bis zehn Minuten pro Fahrzeug – und sie beginnen um halb vier Uhr morgens. Ein Job für Frühaufsteher.

Thieke sieht Dinge, die mir entgehen, den Kaugummi hinter der Kopfstütze und die Kaugummi-Flecken auf der Sitzbank. Kaugummi-Flecken wie Lippenstift-Spuren auf Tischchen können die Wagenreiniger nicht beseitigen.

Zehn Züge pro Schicht

Wir besteigen den Triebwagen, der nach Wattwil fahren wird. Im WC ist eine Klopapierrolle nicht angerissen, «etwas Seltenes», sagt Thieke. Er weist auf Schnitte in der Kunststoffeinfassung der Fenster hin. Da müsste man die Scheibe in der Werkstatt herausnehmen. Qualität müsse bezahlbar bleiben, wird Thieke später sagen.

Ein Mann in orangem Overall taucht auf. Für den Nigerianer Clement Ashley endet der Arbeitstag, der am Abend vorher um 21 Uhr begonnen hat. Ashley ist seit vier Jahren in der Schweiz und seit drei Jahren beim Reinigungsdienst. Er hat den Triebwagen geputzt, den Thieke inspiziert hat.

Ashley zeigt seine Liste: 20 Minuten darf er für den zwei- und 30 Minuten für den dreiteiligen Triebwagen brauchen – nicht viel, finde ich. Pro Schicht reinigt ein Mann rund zehn Thurbo-Züge. Anstrengender ist es bei den Zügen im Gleisfeld. Da geht's vom Boden 60 Zentimeter hinauf zum untersten Klapptritt. Am Perron ist der Einstieg ebenerdig.

Wir wechseln in den Warteraum der Thurbo. Thieke sagt, dass Thurbo bei der Ankunftspünktlichkeit und bei der Verfügbarkeit der WCs die besten Werte im Konzern habe. Lokführer Hans-Peter Könitzer trinkt vor Arbeitsbeginn einen Kaffee. «Die Reiniger haben es nicht einfach. Schlimm war es nach der letzten Olma.» Schlimm sehe es in den Zügen auch aus, wenn der FC St. Gallen in der Arena spiele, sagt er. Da Getränke in der Arena teuer seien, brächten die Besucher Flaschen oder Dosen mit, leerten sie im Zug und liessen sie liegen.

Sieben Uhr. Auf dem Bahnhofplatz drängen sich die Busse, wie wenn es Gratisdiesel gäbe, und spucken ihre Passagiere aus. Der Schnellzug nach St. Gallen trifft ein. Wir fahren nach Frauenfeld.

Der Eintrag in die Checkliste gehört zu den Kontrollen. (Bild: Stefan Beusch)

Der Eintrag in die Checkliste gehört zu den Kontrollen. (Bild: Stefan Beusch)

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