Das Obst ist ausgepresst

Herbst für Herbst verarbeitete die Mosterei-Genossenschaft Homburg die Obsternte ihrer Mitglieder zu Süssmost und Saft. Doch nach fast 70 Jahren ist dieser Tage nun Schluss damit. Die Dienstleistung ist nicht mehr gefragt.

Salome Preiswerk Guhl
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Lydia und Albert Gremlich aus Raperswilen liefern ihre Äpfel an. (Bild: Salome Preiswerk Guhl)

Lydia und Albert Gremlich aus Raperswilen liefern ihre Äpfel an. (Bild: Salome Preiswerk Guhl)

RECKENWIL. Nach dieser Mostsaison ist Schluss. Die Mosterei-Genossenschaft Homburg stellt ihren Mostbetrieb in Reckenwil diesen Herbst definitiv ein. Nach 67 Jahren geht eine Tradition der bäuerlichen Selbsthilfe zu Ende und ein altes Handwerk verschwindet.

Die Mosterei-Genossenschaft Homburg wurde im Jahre 1947 gegründet. Die damals acht Parteien legten 23 000 Franken zusammen und schafften sich eine Mostpresse an, deren Nachfolgerin heute noch hinter dem Restaurant Steinberg in Reckenwil in Betrieb ist. Seit 1967 zählt die Genossenschaft konstant elf Mitglieder, die Anteile wurden seit da in den Familien weitergegeben respektive vererbt.

Mosten ist ein Erlebnis

Das Mosten ist für viele Kunden ein Erlebnis, ein jährlicher Höhepunkt, inklusive anschliessender Einkehr im Restaurant. Die Kinder sind meistens mit vollem Eifer dabei, sammeln mit Grosseltern, Tanten, Onkeln, Cousinen und Cousins die Äpfel, fachsimpeln über die perfekte Mischung, fahren gemeinsam zur Mosterei und kippen ihre Ladung in den Bunker.

800 Liter aufs Mal

Sie schauen zu, wie das Obst durch die Waschanlage über eine Förderschnecke in die Mühle und von da als Maische direkt auf den Presstisch gelangt. Die hydraulische Packpresse baut dann einen Druck von 600 Bar auf, pro Druckvorgang können bis zu 800 Liter Most ausgebeutet werden. Die Ausbeute beträgt etwa 75 Prozent. Für die Kinder und Erwachsene ist es ein Erlebnis, wenn sie den ersten Becher frisch gepressten Apfelsaft geniessen können.

Die Mischung bleibt geheim

Zwei Angestellte kümmern sich während der Mosterei-Saison um einen reibungslosen Ablauf. Sie füllen Tuch um Tuch mit der Maische, bereiten den Turm vor, kontrollieren den Pressvorgang, bestimmen die Mostmenge und befördern anschliessend den Trester via Förderband in den bereitstehenden Kipper, eine nicht zu unterschätzende, körperlich anstrengende Arbeit. Der Trester wird an das Vieh verfüttert.

Auf die Frage, wie denn die perfekte Mischung des Mosts aussähe, hüllt sich der Kassier der Genossenschaft, Paul Herzog-Dörig, in Schweigen. Er nennt über 300 Hochstammbäume sein Eigen – darunter auch alte Sorten wie Berner Rosen, Goldparmäne, Mannenbacher oder Jacob Lebel «Das Geschmacksempfinden der Leute hat sich verändert. Der Konsument wünscht heute eine gewisse Süsse. Mit einer gesunden Mischung gibt es den besten Most.» Und so hat jede Familie ihre eigene Mischung.

Weniger trinken Most

Am Rohmaterial fehlt es nicht. Paul Herzog-Dörig sagt. «Obstbäume hat es auch heute noch genug, aber der Konsum ist leider rückläufig.» Auch seien Ersatzteile für die Mostpresse zunehmend schwerer aufzutreiben. Im vergangenen Juli beschlossen die Genossenschafter, den Mostereibetrieb in Reckenwil auf Ende Oktober/Anfang November definitiv einzustellen. Was mit dem Mobiliar passiert, ist noch unklar.