Das Mittelalter zu Markte tragen

STECKBORN. Birgit Rosenzweig und Attilio Masina organisieren den Mittelaltermarkt zum grossen Steckborner Stadtfest im August. Beide sind in der Szene verankert. Gerade hat Masina einen Geldbeutel aus dem 15. Jahrhundert rekonstruiert.

Gudrun Enders
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Attilio Masina und Birgit Rosenzweig in Gewändern, nach mittelalterlichem Vorbild gefertigt. (Bilder: Stefan Beusch)

Attilio Masina und Birgit Rosenzweig in Gewändern, nach mittelalterlichem Vorbild gefertigt. (Bilder: Stefan Beusch)

Das 15. Jahrhundert ist ihre Passion. Birgit Rosenzweig und Attilio Masina kleiden sich in ihrer Freizeit wie die Menschen von damals, und sie restaurieren zurzeit ihr Haus in Steckborn, dessen Kern aus dem 15. Jahrhundert stammen könnte. Jedenfalls vermuten die beiden das.

Das Paar rutschte vor ungefähr sechs Jahren in die Mittelalterszene. Beide arbeiteten damals am Ekkharthof und gingen mit ihren geistig behinderten Mitarbeitern auf Mittelaltermärkte, wo sie Handgearbeitetes präsentierten. Heute betreuen Rosenzweig und Masina ehemalige Schützlinge in den Ferien.

Mittelalterliche Schuhmacherei

Masina ist gelernter Sattler und betreibt eine Schuhmacherei in Kreuzlingen. Er stellt mittelalterliche Schuhe, Gürtel und Taschen her. Sein neuster Nachbau, der ihm gerade gelungen ist: ein grosser Geldbeutel mit drei Kammern. Masina sah dieses Exemplar im Rosgartenmuseum in Konstanz. Es wurde in der Stadt bei Grabungen gefunden. Masina zeichnete den Beutel respektive die Überreste ab und tüftelte so lange, bis er den Verschluss verstanden hatte: «Wenn ich den grossen Beutel öffne, dann schliessen sich die beiden kleineren automatisch.»

Masina verkauft seine Arbeiten unter anderem an Mittelaltermärkten. Auch das Steckborner Museum im Turmhof will kleine Geldbeutel von Attilio Masina im zukünftigen Museumsshop verkaufen. Masinas Schuhe wurden auch schon in Museen ausgestellt, wie etwa im Burg-Museum in Zug. Dort wurden auch Überschuhe aus seiner Werkstatt gezeigt. Denn im Mittelalter wateten die Menschen nicht in ihren Lederpantoffeln durch die verdreckten und vermüllten Strassen. Sie zogen vorher hohe Holzschuhe darüber, sogenannte Trippen. «Von daher kommt das Trippeln», sagt Masina.

Mittelaltermarkt zum Stadtfest

Vor 700 Jahren wurde Steckborn das Marktrecht verliehen. Mitte August wird das mit einem grossen Fest gefeiert. Dann wird auf dem alten Marktplatz beim Kehlhof ein mittelalterlicher Markt aufgebaut, der sich über die Augustinergasse bis zur Seestrasse erstrecken soll. Rosenzweig und Masina organisieren diesen Markt. Bis zu 40 Stände und Gruppierungen kommen, wie etwa der Burgenverein Graubünden, der die Stadtwache stellt, oder wie Wanderdrechsler, Korbmacher oder sogar die Steckborner Klöppelfrauen. Falkner Eric, Minnesänger Christoffel vom Hengstacker werden ebenso auf dem Markt auftreten wie eine Bauchtänzerin. Sogar am Mäuseroulette dürfen sich die Festgäste vergnügen. Rosenzweig will diese Gauklerei nicht erklären: «Das muss man erleben.» Finanzieren wird sich der Markt über die mittelalterlichen Schenken.

www.il-filo.ch, www.mirimor.ch

Geldbeutel aus Konstanz mit drei Kammern. (Bild: Stefan Beusch)

Geldbeutel aus Konstanz mit drei Kammern. (Bild: Stefan Beusch)

Eine mittelalterliche Gürteltasche aus Konstanz. (Bild: Stefan Beusch)

Eine mittelalterliche Gürteltasche aus Konstanz. (Bild: Stefan Beusch)

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