«Das ist keine Schizophrenie»

Der Verteidiger zweifelt die psychiatrische Diagnose für seinen Mandanten an. Der Beschuldigte hat im Wahn auf eine wehrlose Frau eingestochen. Das Obergericht entlässt den Mann aus dem vorzeitigen Massnahmenvollzug in die Freiheit.

Ida Sandl
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Der Beschuldigte im Kantonalgefängnis in Frauenfeld. (Archivbild: Nana do Carmo)

Der Beschuldigte im Kantonalgefängnis in Frauenfeld. (Archivbild: Nana do Carmo)

FRAUENFELD. Seit Jahren wehrt sich der 48-Jährige gegen die Diagnose und die Medikamente, die ihn heilen sollen. Paranoide chronische Schizophrenie attestieren ihm die Psychiater. Stimmt nicht, beharrt der Patient. Stimmt nicht, sagt auch sein Verteidiger vor dem Thurgauer Obergericht. Er habe sehr häufig mit Psychiatriepatienten zu tun. «Ich kenne mich mit dem Begriff der Schizophrenie aus.» Im Falle seines Mandanten ist der Anwalt überzeugt: «Eine Schizophrenie gibt es bei ihm nicht.»

Therapie ja – Strafe nein

Es passierte im Juni 2010. Der Angeklagte wollte von seiner Heroinsucht loskommen, er war auf Methadon eingestellt. Einige Tage nachdem er aus der Psychiatrischen Klinik entlassen wurde, geschah etwas, dass er sich bis heute nicht erklären kann. Er bildete sich ein, eine Frau, die er nie zuvor gesehen hatte, wolle ihn töten. In seinem Wahn stach er mit einem Jagdmesser auf sie ein (siehe Box). Das Bezirksgericht Frauenfeld erklärte den Mann für schuldunfähig. Es ordnete eine stationäre therapeutische Massnahme an, falls nötig eine Zwangsbehandlung mit Medikamenten.

Mit Unterbrüchen seit Oktober 2011 sitze er aber im normalen Strafvollzug, bemängelt sein Anwalt. Einmal in der Woche finde eine Therapiesitzung statt, sonst nichts. Der Verteidiger ist ein Mann der grossen Gesten: «Ist das die stationäre therapeutische Massnahme, die sich das Bezirksgericht vorgestellt hat?» Er beantragte die sofortige Entlassung, stattdessen eine ambulante Therapie, die sich auf Drogenprävention konzentrieren müsse. Denn das grösste Problem seines Mandanten seien die Drogen.

Nach Ansicht des Verteidigers ist die Diagnose Schizophrenie nach der Tat plötzlich aufgetaucht. «Man legte sich kurzerhand auf eine Schizophrenie fest, damit man ihn von Münsterlingen in die Klinik Rheinau verlegen konnte.» Der Verurteilte habe die Jahre im Gefängnis nicht genutzt, behauptet dagegen der Staatsanwalt. Er habe Therapien nur akzeptiert, wenn sie seinen Vorstellungen entsprachen. Die Gefahr, dass er wieder jemanden verletze oder sogar töte, sei zu gross, um ihn freizulassen.

Der Angeklagte widerspricht im ausführlichen Schlusswort. Keiner seiner Therapeuten habe ihm je ein Symptom nennen kennen, das bei ihm auf eine paranoide Schizophrenie hingedeutet hätte. Das heisst für ihn: «Die Diagnose ist falsch.» Er habe an sich gearbeitet in der Haft. «Die Gefangenschaft verändert einen Menschen massiv.» Er sei nicht gewalttätig, sagt der Angeklagte, der in Handschellen im Gerichtssaal sitzt.

Monatliche Blutkontrolle

Das Obergericht folgt weitgehend den Argumenten des Verteidigers. Der Mann wird, zwei Monate nachdem das Urteil rechtskräftig ist, aus dem vorzeitigen Massnahmenvollzug entlassen. Vor der Entlassung müsse ein «möglichst verlässlicher, sozialer Empfangsraum mit klaren Strukturen» vorbereitet werden. Ausserdem müsse sich der Mann einer psychotherapeutischen Behandlung mit wöchentlichen Sitzungen unterziehen. Jeden Monat muss er den Blutspiegel untersuchen lassen. Halbjährlich müsse ein Kontrollgespräch mit einem Psychiater stattfinden. Die Fachleute melden dem Straf- und Massnahmenvollzug, wenn der Entlassene seinen Pflichten nicht nachkommt.

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