Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Das historische Gewissen tritt ab

Zeitungen und Stammtische waren seine besten Quellen. Fredy Strupler hat 30 Jahre lang eine Chronik für das Langdorf geführt. Nun hat der bald 74-Jährige sein Amt abgegeben. Der Quartierverein sucht eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger.
Mathias Frei
Fredy Strupler verliest seine letzte Langdorfer Jahreschronik an der kürzlichen Quartiervereinsversammlung. (Bild: Mathias Frei)

Fredy Strupler verliest seine letzte Langdorfer Jahreschronik an der kürzlichen Quartiervereinsversammlung. (Bild: Mathias Frei)

Mathias Frei

mathias.frei@thurgauerzeitung.ch

Fredy Struplers strenge Tage sind wieder einmal vorbei. Früher waren sie noch strenger. Strupler – Ur-Langdorfer, vom ältesten Langdorfer Geschlecht mit männlichen Nachkommen – hat geruhigt, ist pensioniert, bald 74 Jahre alt. Vergangenen Samstagabend ging es zuerst los als Chronist an der Jahresversammlung des Quartiervereins, dann weiter als Aktuar bei den Lindenmännern. Sonntagvormittag: Versammlung der Erchinger, der alten Langdorfer Bürger. Montag: vormittags bei der Bürgergemeinde Frauenfeld, mittags als Vorstandsmitglied der Lindenmänner bei den Stadtkonstablern, abends das Bechtelismahl, der Erchinger. Und am Dienstag war Strupler Reiseleiter des Guggenhürli-Clubs.

Ein wichtiges Amt hat Strupler am Samstagabend abgegeben. Nach 30 Jahren hat er seine letzte Langdorfer Chronik beim Quartierverein verlesen. «Danke vielmals fürs Zuhören», schliesst er seinen letzten Rückblick, was vor zehn Jahren im Langdorf und in der Welt Thema war.

Erdogan und Reitsättel auf dem Küchentisch

Struplers Chroniken waren kein einfaches Runterrasseln von Fakten, sondern süffig anzuhören und träf. Aus dem Jahr 2007 erzählt er von einem «gewissen Herrn Erdogan» und von Sätteln, die man auf dem Küchentisch reitet. 15 Minuten Zeit hat er gemäss Traktandenliste. Eine Zeit lang seien ihm vom Vorstand fünf Minuten mehr zugebilligt worden. Und einmal überzog er komplett mit 40 Minuten. «Da gab es viel zu berichten. Der Präsident neben mir wurde langsam nervös. Aber die Leute hörten mir geduldig zu.» Strupler zuzuhören, war kein Müssen, sondern ein Dürfen. Ein Rückblick in die gute, alte Zeit, auch wenn sie nur ein Jahrzehnt zurückliegt.

1941 führte der Quartierverein Langdorf die Tradition der Chronik ein. Zuerst hatte 23 Jahre lang Karl Schönholzer das Amt inne, dann dessen Sohn Gust Schönholzer während 24 Jahren. 1988 übernahm Strupler, obwohl er damals schon im Ergaten lebte. Aber Strupler ist und bleibt Langdorfer. «Wenn ich Durst hatte, ging ich fast immer ins Langdorf in die Beiz», sagt er. Aber als er heiratete im Jahr 1976, gab es im Langdorf keine passende Wohnung für die junge Familie.

Strupler kennt die Geschichten und Zusammenhänge, weiss, wie es früher war im Langdorf. «Marcel Olbrecht und Carlo Stoll kennen das Langdorf nicht weniger gut», sagt er. Das mag stimmen. Aber mit Strupler ist dieses Wissen 30 Jahre institutionalisiert worden. Er hat jegliche Presseartikel im Zusammenhang mit dem Langdorf gesammelt, jährlich kamen so zwei Archivkisten zusammen. Hat jedes Jahr einen ganzen Ordner mit Langdorfer Baugesuchen gefüllt, hat selber recherchiert, wurde von Firmen informiert. Und Strupler schnappte auch viele Infos an den Stammtischen auf. «Oft hat man schon auf dem Latrinenweg das Gras wachsen gehört.» Mit einer Distanz von zehn Jahren habe vieles, das sich ereignet habe, eine andere Wertung erhalten, sagt er. Aber gesammelt hat er alles. Die Jahresarchive hat er dem Quartierverein übergeben, wenn er sie für die Chronik nicht mehr gebraucht hat.

Strupler erinnert sich an das Bauerndorf Langdorf, an den alten Dorfkern, der leider lange nicht geschützt gewesen sei, an die Industriebetriebe, die kamen und Arbeitsplätze schafften. Er zählt Namen von Restaurants auf, die es schon lange nicht mehr gibt. «Das ‹Landhaus› ist die letzte Quartierbeiz.» Er weiss, dass die alte Frau Wehrli die Barriere beim Bahnübergang bei Traktoren Kaiser bediente. Und als die Hero zumachte, tat es ihm im Herzen weh.

Wer Lust hat, das Chronistenamt zu übernehmen, melde sich bei Quartiervereinspräsident Roman Neff: r.neff@novumbau.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.