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Das grosse Zittern

Das Fürstentum Liechtenstein führt ab 2017 den automatischen Informationsaustausch mit der EU ein. Jetzt rüttelt auch die Schweiz an der Steuerfestung. Das weckt bei vielen Schweizern Ängste.
Markus Rohner

Wenn er wieder einmal eine schlaflose Nacht hinter sich hat, dann war es nicht allein der Föhn, der ihn nicht zur Ruhe hat kommen lassen. Ein wildes Zahlenkarussell und Tausendernoten, die über den Rhein wanderten, machten die Nacht zum Albtraum. «Unsere Familie ist im Verlaufe von Jahrzehnten in diese Sache reingeschlittert», erzählt der Handwerker aus dem Toggenburg. Zuerst war es der Grossvater, der sich immer wieder mal eine Arbeit mit Bargeld hat bezahlen lassen, später machte es ihm der Vater nach. Und in den letzten Jahren hat nun auch er da und dort keine Rechnung ausgestellt und ist mit dem Geld zu seiner Liechtensteiner Bank gefahren. Im Verlauf der Zeit ist auf diese Weise ein hoher sechsstelliger Betrag zusammengekommen. «Sicher ist sicher», hat sich der Steuerflüchtling immer wieder gesagt und der Liechtensteiner Bank mehr Vertrauen geschenkt als der Lokalbank am Wohnort. Die Mitarbeiter dort erschienen ihm zu wenig diskret. Auf die «Festung Liechtenstein», da war er sich sicher, werde das Schweizer Steueramt nie zugreifen können. Der Handwerker – und mit ihm viele andere Schweizerinnen und Schweizer – könnten sich getäuscht haben.

Exakte Zahlen kann keiner geben, aber es ist bekannt, dass der Bankenplatz Liechtenstein über Generationen von unzähligen Schweizern dazu benutzt worden ist, unversteuertes Geld vor dem Fiskus zu verstecken. Die Vorteile waren evident: Kein Währungsverlust sowie ein diskreter Service der Liechtensteiner Banken. Alle machten sie mit, von der staatlichen LLB bis zur fürstlichen LGT. Am Bankschalter in Vaduz hat bis vor wenigen Jahren nie einer kritische Fragen gestellt, wenn ein Kunde aus der Schweiz wieder einmal ein Bündel Tausendernoten auf sein Konto verschoben hat. Umgekehrt zeigten auch die Behörden in Bern wenig Interesse, an diesem Zustand etwas zu ändern, solange die Schweiz eng mit dem Liechtensteiner Finanzplatz verzahnt war und auch bei uns das Geschäft mit dem ausländischen Schwarzgeld florierte.

Liechtenstein drückt aufs Bremspedal

Mit den neuen Transparenzregeln auf den internationalen Finanzmärkten hat der Wind gedreht. Ab Januar 2017 führt Liechtenstein mit allen Mitgliedern der EU (Ausnahme Österreich ab 2018) den automatischen Informationsaustausch (AIA) ein. Die Folgen für Bankkunden mit Wohnsitz im Ausland sind klar: Mit dem AIA erhalten die ausländischen Steuerbehörden Informationen, um auch bei Steuerpflichtigen mit Vermögenswerten ausserhalb der eigenen Landesgrenzen die steuerliche Bemessungsgrundlage verifizieren zu können. Was liegt da näher, als den AIA auch zwischen der Schweiz und dem Fürstentum einzuführen? Im Juli 2015 reiste Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf in dieser Angelegenheit zu ihrem Amtskollegen nach Vaduz. Konkretes hat im Gespräch mit Regierungschef Adrian Hasler allerdings nichts herausgeschaut. Im Mai kam es erneut zu einem Treffen zwischen Hasler und dem neuen Schweizer Finanzminister Ueli Maurer.

Will beim Informationsaustausch in der Regel das Ausland etwas von der Schweiz, ist es dieses Mal umgekehrt. Auch nach dem Wechsel im Finanzdepartement habe die Schweiz immer noch ein Interesse am AIA mit Liechtenstein, erklärt Beat Werder, Leiter Kommunikation im Staatssekretariat für internationale Finanzfragen im eidgenössischen Finanzdepartement. Doch Liechtenstein drückt aufs Bremspedal. Wohlwissend, dass der Datenaustausch zwischen Vaduz und Bern den Finanzplatz Liechtenstein kräftig durchschütteln würde. Allein schon die Diskussion über die Einführung des AIA hat Schweizer veranlasst, ihr Geld aus Liechtenstein abzuziehen. Wird der AIA zwischen beiden Ländern Tatsache, dürften mehrere Milliarden an Vermögenswerten aus Liechtenstein abgezogen werden. Für Liechtenstein wird es immer schwerer zu erklären, weshalb es ein AIA-Abkommen mit der EU abgeschlossen hat, die Schweiz aber warten soll. Vermögenswerte im Umfang von 121 Milliarden Franken wurden 2015 auf Liechtensteiner Banken verwaltet. Wie viel davon von Kunden mit Schweizer Wohnsitz stammt, kann oder will in Liechtenstein keiner sagen. «Ich schätze, das Vermögen der Schweizer Kunden macht mehr als einen Viertel der in Liechtenstein verwalteten Gelder aus», sagt ein in Liechtenstein arbeitender Banker. Liechtenstein könne problemlos mit Estland, Slowenien oder Malta den AIA einführen, an die Substanz gehe es erst, wenn der Datenaustausch mit der Schweiz komme und dann viel Geld über den Rhein zurückfliesse, sagt der Banker.

«Qualität, Sicherheit und Zuverlässigkeit»

Simon Tribelhorn, Geschäftsleiter des Liechtensteinischen Bankenverbandes, bleibt angesichts der aufgezogenen Gewitterwolken ruhig und verweist auf die guten Rahmenbedingungen, die den Finanzplatz am Rhein auszeichnen. Die Rede ist vom «liberalen Gesellschaftsrecht», einem «modernen und wettbewerbsfähigen Steuersystem», der Vernetzung von Banking, Versicherungen, Fonds und Vermögensverwaltung sowie dem Zugang zum Schweizer und dem Europäischen Binnenmarkt. Für Cyrill Sele, Sprecher der LLB, sind die Liechtensteiner Banken Garanten «für Qualität, Sicherheit und Zuverlässigkeit.» Daran würde auch ein allfälliger AIA mit der Schweiz nichts ändern.

Ginge es nach Liechtenstein, würde es am liebsten den Status quo beibehalten. Der Finanzsektor trägt ein Viertel zur Bruttowertschöpfung des Landes bei und generiert mehr als ein Drittel der Staatseinnahmen. Wenn nun immer mehr Kunden aus dem wichtigsten ausländischen Markt Reissaus nehmen, bekommen die Ländle-Banken ein Problem. Das Ländle kann und darf den grossen Nachbarn nicht brüskieren. «Liechtenstein hat ein Interesse daran, die internationalen Standards umzusetzen und damit die grenzüberschreitende Steuerkonformität abzusichern», sagt Katja Gey von der Liechtensteiner Stabsstelle für internationale Finanzplatzagenden. Um aber gleich anzufügen: «In welcher Form dies zwischen Liechtenstein und der Schweiz konkret umgesetzt wird, ist Inhalt von Gesprächen.»

Am Samstag stellte das «Liechtensteiner Vaterland» dem ehemaligen CS- und UBS-Chef Oswald Grübel die Frage, warum ausländische Kunden ihr Geld in Liechtenstein und nicht in der Schweiz anlegen sollten. Grübels lakonische Antwort: «Wenn ich CEO einer Liechtensteiner Bank wäre, dann hätte ich sicher gute Argumente.»

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