Das Graduale ist zurückgekehrt

Die bedeutendste mittelalterliche Handschrift der Schweiz ist zum erstenmal seit langem wieder in ihrer Heimat zu sehen: Das Graduale aus dem Kloster St. Katharinental zeigt ab morgen Sonntag im Historischen Museum seine Pracht.

Christof Widmer
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Direktorin Gabriele Keck und Restaurator Uldis Makulis heben das Graduale auf, um es in die Vitrine zu tragen. (Bild: Donato Caspari)

Direktorin Gabriele Keck und Restaurator Uldis Makulis heben das Graduale auf, um es in die Vitrine zu tragen. (Bild: Donato Caspari)

FRAUENFELD. Gabriele Keck ist übervorsichtig. «Drückt das Deckglas der Vitrine dort nicht aufs Pergament?» fragt die Direktorin des Historischen Museums. Uldis Makulis kniet sich vor die Vitrine. Der Restaurator des Schweizerischen Nationalmuseums glaubt zwar nicht, dass das Glas seinen Schatz belastet. Trotzdem öffnen die beiden die Vitrine noch einmal, positionieren das aufgeschlagene Buch aufs neue und senken das Glas wieder. Jetzt ist auch Keck sicher, dass die über 700jährige Handschrift gut im Schaukasten liegt.

Zwei Monate lang ist das Graduale von St. Katharinental in Frauenfeld zu sehen. Morgen Sonntag wird die Handschrift um 11.30 Uhr für die Öffentlichkeit enthüllt. Zu sehen sind zwei der 628 Seiten. Sie zeigen eine Spitzenleistung der gotischen Buchmalerei. Die linke Seite hoch zieht sich eine Initiale – der Anfangsbuchstabe eines Textes. Er besteht aus filigran gemalten Miniaturen auf Goldgrund. Das Blattgold ist so dick, dass es sich vom Pergament abhebt.

Gemeinsam gesungen

Miniaturen überziehen auch die rechte Seite. Mittelalterliche Noten sind den lateinischen Wörtern unterlegt. Das Graduale ist ein Choralbuch. Bis ins 19. Jahrhundert hinein stand es im Chor des Klosters St. Katharinental auf einer Art Notenständer, um den herum sich die Dominikanerinnen versammelten, um gemeinsam zu singen. «Das erklärt, warum das Buch so gross ist», sagt Keck, «es war zum gemeinsamen Gebrauch gedacht.»

Nur diese Doppelseite ist während der Ausstellung zu sehen. Umgeblättert wird in den zwei Monaten nicht. Im Forum Schweizer Geschichte Schwyz, wo das Nationalmuseum das Graduale sonst zeigt, wird pro Halbjahr einmal umgeblättert. Dies, um die kostbaren Seiten nicht zu stark zu belasten.

Blättern können die Besucher trotzdem – und zwar in einem Faksimile, einer detailgetreuen Kopie des Graduale. Ausserdem ist das Graduale soeben digitalisiert worden. Seine Seiten werden bald im Internet zugänglich sein – in der Reihe E-Codices der Universität Freiburg.

Wann das Graduale das letztemal im Kanton zu sehen war, konnte Keck nicht eruieren. Es müsse mindestens 30 bis 40 Jahre her sein. Dabei gehört das Graduale nicht nur der Eidgenossenschaft. Auch der Kanton Thurgau ist Mitbesitzer. Es ist vertraglich geregelt, dass auch er die Handschrift ausstellen darf.

TKB hat 100 000 Franken gezahlt

Keck hat inzwischen Einzelheiten recherchiert über die Umstände des Kaufs des Graduale vor 60 Jahren. Damals war es vom Londoner Auktionshaus Sotheby's versteigert worden. Die Eidgenossenschaft und der Kanton erwarben es für 400 000 Franken. Der Thurgau zahlte 150 000 Franken, was damals eine bedeutende Summe war. Wie Keck herausgefunden hat, wurde der Anteil nicht oder nicht nur aus Steuergeldern bezahlt. Wie aus einem Schreiben der Thurgauer Kantonalbank an den Regierungsrat hervorgeht, hat die Bank 100 000 Franken übernommen. Die restlichen 50 000 Franken könnten vom Elektrizitätswerk stammen, das im Brief als weitere von der Regierung vorgesehene Geldquelle genannt wird.

Programm Graduale-Enthüllung: www.historisches-museum.tg.ch

Mit dieser Doppelseite präsentiert sich das Graduale in den nächsten zwei Monaten im Historischen Museum. (Bilder: Donato Caspari)

Mit dieser Doppelseite präsentiert sich das Graduale in den nächsten zwei Monaten im Historischen Museum. (Bilder: Donato Caspari)