Das Glück lässt auf sich warten

In Diessenhofen ist ein Rechenzentrum für internationale Finanztransaktionen geplant. Das Projekt mit Kosten von 51 Millionen ist ins Stocken gekommen. Das löchrig gewordene Bankgeheimnis könnte ihm zum Verhängnis werden.

Markus Schoch
Drucken
Teilen
Wird irgendwo auf der Welt eine Finanztransaktion vorgenommen, wird sie über die Swift abgewickelt. (Bild: ky/Peter Lauth)

Wird irgendwo auf der Welt eine Finanztransaktion vorgenommen, wird sie über die Swift abgewickelt. (Bild: ky/Peter Lauth)

diessenhofen. In Diessenhofen ist das Wehklagen immer noch gross, weil die Grenzen im Kanton Thurgau neu gezogen werden. Die Stadt mit ihren rund 3300 Einwohnern ist bald nicht mehr Hauptort des gleichnamigen Bezirks, sondern gehört künftig zum Grossraum Frauenfeld. Die Angst im nordwestlichsten Zipfel des Thurgaus an der Grenze zu Schaffhausen ist gross, fernab der Hauptstadt politisch in die Bedeutungslosigkeit zu versinken.

51-Millionen-Projekt

Dafür könnte das Rheinstädtchen in der globalen Finanzwirtschaft schon bald eine wichtige Rolle spielen. Die weltweit aktive Finanzdienstleisterin Swift (Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication) plant den Bau eines von den USA abgekoppelten Rechenzentrums im Industriegebiet Ratihart südlich der Umfahrungsstrasse gegen Schaffhausen. «Es wäre das Beste, was Diessenhofen gelingen könnte», sagt Stadtammann Walter Sommer.

Das 51 Millionen Franken teure Projekt verheisst nicht nur Aufträge für die regionale Wirtschaft, sondern es sollen auch Arbeitsplätze im IT-Bereich geschaffen werden. Die Rede ist von 50 beim Start, später könnten es mehr werden. Und was Sommer besonders freut: Das Personal soll in der Region rekrutiert werden.

Die geplante Anlage erstreckt sich gemäss den Plänen auf 7,5 Hektaren Wiesland und wäre vor allem unterirdisch erschlossen. Das Grundstück gehört der Swift noch nicht.

Sand im Getriebe

Das grosse Glück für Diessenhofen schien im letzten Herbst nach zweijähriger Vorbereitungszeit zum Greifen nahe. Die Planung sah vor, dass der Swift-Verwaltungsrat im Dezember den Standortentscheid fällen sollte und das Baugesuch dann im Januar öffentlich aufgelegt wird.

Doch dann kam Sand ins Getriebe. Die Swift verschob den Grundsatzbeschluss um drei Monate.

Traktandiert ist er gemäss Swift-Sprecher Pascal Gasser jetzt an der nächsten Sitzung des Verwaltungsrates in der kommenden Woche.

Als Grund für die Verzögerung nennt Gasser die neue Fünf-Jahres-Strategie der Swift, die im Dezember noch nicht abschliessend bestimmt gewesen sei. Ohne die genaue Marschrichtung zu kennen, habe der Verwaltungsrat nicht über den Bau der Datenverarbeitungszentrale in Diessenhofen befinden können.

Die NZZ will diese Begründung nicht recht glauben. Sie spekulierte unlängst, dass die Angriffe aufs Bankgeheimnis in der Schweiz die Swift-Verantwortlichen ins Grübeln gebracht haben könnten. Es sei vorstellbar, dass auf diesem Hintergrund Sicherheitsüberlegungen wieder mehr Gewicht bekommen. Damit wäre ein Standort im asiatischen Raum möglicherweise besser als einer im Thurgau. Denn die Swift betreibt bereits ein Rechenzentrum in Holland.

Ein zweites auf dem gleichen Kontinent zu eröffnen, könnte der Swift nach Meinung der NZZ zu riskant erscheinen. Swift-Sprecher Gasser will sich zu diesen Gedankenspielen nicht äussern. «Aus unserer Sicht ist die Schweiz nach wie vor ein geeigneter Standort für ein solches Datenzentrum. Ich sehe im Moment keinen Anlass, diese Einschätzung zu hinterfragen.»

Zwei Einsprachen

Die Ausgangslage vor der entscheidenden Sitzung nächste Woche sei offen, sagt Gasser. Es könne in alle Richtungen gehen. Das sei aber immer so bei Verwaltungsratssitzungen.

Doch selbst wenn die Swift-Zentrale grünes Licht geben sollte, bleibt ein Problem: Es gab bei der öffentlichen Auflage zwei Einsprachen gegen das Projekt. Stadtammann Sommer kann aus Datenschutzgründen nicht näher darauf eingehen. Nur so viel lässt er sich entlocken: Es stünden keine Verbände dahinter.

Ob Diessenhofen das gleiche Schicksal drohen könnte wie Wigoltingen mit Aldi, lässt sich nicht sagen. Der Harddiscounter wollte sich seinerzeit nicht auf einen langen Rechtsstreit im Thurgau einlassen und suchte sich im Kanton St. Gallen einen neuen Standort für seinen Hauptsitz und die Verteilzentrale. Gasser von der Swift hofft, dass die Einsprachen schnell beigelegt werden.

Aktuelle Nachrichten