Das Glück des Beschenktwerdens

Es geht um viel mehr als die Geschenke, die unter dem Christbaum liegen. An Heiligabend kommen zum Beispiel im Schloss, im Altersheim Stadtgarten und im evangelischen Kirchgemeindehaus Menschen zusammen. Eine kleine Weihnachtstour d’Horizon.

Mathias Frei
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Die Mitarbeiterinnen Lorijana Shabani und Shqipe Luma beschenkten Stadtgarten-Bewohnerin Jutta Frei. (Bild: Mathias Frei)

Die Mitarbeiterinnen Lorijana Shabani und Shqipe Luma beschenkten Stadtgarten-Bewohnerin Jutta Frei. (Bild: Mathias Frei)

Mathias Frei

mathias.frei@thurgauerzeitung.ch

Die Geschichte über ihn ist eine schöne. Aber er macht schon nicht grad den weihnachtlichsten Eindruck mit seinen Flossen aus Hirschgeweih und seinen Wildsauhauern: der Leuchterfisch. Ganz hinten in einem Ausstellungsraum in der ersten Etage des Historischen Museums Thurgau im Schloss hängt er an der Decke. Ein Stockwerk weiter oben sitzen fast 90 Kinder und Erwachsene im Gerichtsherrensaal und lauschen Margrit Frühs Weihnachtsgeschichten, die sie schon seit Jahren am Nachmittag des Heiligabends lebendig präsentiert.

In einer Erzählung der Kunsthistoriker und ehemaligen Museumsdirektorin geht es eben um den Leuchterfisch, den der Wiler Holzhandwerker Meister Simon vor 500 Jahren dem reichen Herrn Müller für seine Gattin gefertigt hat. Simons Tochter Els­bethli wird letzten Endes reich beschenkt. Der Fisch, eine Art Kerzen-Kronleuchter, bringt Simons Familie neuen Wohlstand. Und Frau Müller hat auch ihre Freude am Holzschnitzwerk. Die kleinen Besucher machen grosse Augen ob der Schilderungen von Margrit Früh, die einen wie von einer Märlitante in den Bann ziehen. Früh setzt zu einer nächsten Geschichte an. Aber schon geht es weiter ins Alters- und Pflegeheim Stadtgarten.

Feiern, wenn auch wirklich Heiligabend ist

Der Stadtgarten feiert am 24. Dezember Weihnachten. Das ist schon seit neun Jahren so und Heimleiter Bernhard Grill wichtig. «Gegenüber den Bewohnerinnen und Bewohnern ist das ein Zeichen der Wertschätzung. Wir feiern dann, wenn auch wirklich Heiligabend ist», sagt Grill. Im Hans-A.-Huber-Saal ist die Luft etwas stickig. 120 Bewohner, Mitarbeiter und Angehörige sind gekommen. Nächstes Jahr ist man dann im neuen, grossen Saal. Die Feier ist aber nicht weniger stimmungsvoll. Das Bläserensemble des Musikvereins Thurtal-Hüttlingen unter der Leitung von Roland A. Huber spielt weihnachtliche Klänge. Es gibt versöhnliche Worte zu hören vom katholischen Sozialdiakon Stephan Wälti und vom evangelischen Pfarrer Andreas Bänziger. «Isch schön gsi», meint ein alter Mann zu seinem Sitznachbarn, als Heimleiter Grill zum Apéro einlädt.

Angehörige nehmen ihre Lieben mit nach Hause. «Schöne Nacht», wünscht eine Bewohnerin beim Verlassen des Stadtgartens. Die meisten werden im Laufe des Abends wieder zurückgebracht, weil ihnen das Schlafen in ihrem eigenen Bett einfacher fällt. Wer an Heiligabend im Stadtgarten bleibt, hat sich schön angezogen. Festlich ist auch das Menu: Auf eine Geflügelconsommé folgt ein Kalbsrücken mit Merlot-Sauce. Zum Dessert gibt’s ein Rumparfait. Und nach dem andächtig begangenen Festmahl kommt die Zeit der Bescherung. Jede Mitarbeiterin, jeder Mitarbeiter bekommt von der Heimleitung 30 Franken, um für die Bewohner Geschenke zu kaufen. Jutta Frei zum Beispiel hat sich Strümpfe, Schokolade, Dusch­artikel und Haarspangen gewünscht. Ob sich all das im ­Geschenk von Shqipe Luma, Fachfrau Gesundheit, befindet? «Ich lasse mich überraschen. Es ist einfach schön, beschenkt zu werden», sagt die Pensionärin. Shqipe Luma gibt zurück, es mache Freude zu schenken. Ihr Dienst dauert noch bis 22.15 Uhr.

«Weihnachten und du» fühlt sich wie daheim an

Kurz nach 18 Uhr strömen die Kirchgänger aus der evangelischen Stadtkirche. Beim Krippenspiel, das von Jugendlichen gestaltet worden ist, sind Laila Peter als Maria und Jonas Vetsch als Josef die Hauptfiguren gewesen. Sie seien erst vor wenigen Tagen aus Chile zurückgekehrt, erzählt der Sohn von Pfarrer Hansruedi Vetsch. Drei gemeinsame Proben mussten deshalb reichen. Nun gehen Maria und Josef mit ihren Familien nach Hause und feiern dort. Derweil gibt es im ersten Stock einen Apéro mit Rimus und Orangensaft. Im Kirchgemeindesaal steht «Weihnachten und du» auf dem Programm. Wer den Heiligabend in Gesellschaft verbringen will, ist willkommen. «Unsere Gäste sollen sich wie daheim fühlen. Das ist unser Ziel», sagt Manuel Kägi. Er ist Sozialdiakon bei der Evangelischen Kirchgemeinde und veranstaltet den Abend mit vier Helfern zusammen. Es gibt einen feinen Dreigänger mit Salat, Rindsvoressen, Spätzli und am Schluss Glacé-Cake. Pfarrer Bänziger erzählt eine Weihnachtsgeschichte. Organist Christoph Lowis untermalt die Weihnachtslieder am Klavier. Es fühlt sich an wie daheim. Und das ist richtig so.