Das Glas erzählt Geschichten

FRAUENFELD. Ein Buch über Glasmalerei im Kanton Thurgau ist dem Regierungsrat eine knappe halbe Million Franken wert. Diesen Beitrag hat er für ein entsprechendes Projekt aus dem Lotteriefonds gesprochen. Denn die Thurgauer Glasmalerei ist bisher kaum erforscht.

Michèle Vaterlaus
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Ein gotisches Glasfenster im Chor der Kirche St. Laurentius. (Archivbild: Susann Basler)

Ein gotisches Glasfenster im Chor der Kirche St. Laurentius. (Archivbild: Susann Basler)

«Es gibt im Thurgau beeindruckende Chorfenster, beispielsweise in der Frauenfelder Kirche St. Laurentius Oberkirch», sagt Martha Monstein, Leiterin des kantonalen Kulturamtes. Die Fenster seien schweizweit, wenn nicht sogar europaweit herausragend. Die Glasmalerei sei im Thurgau noch nicht umfassend erforscht. Das könnte ein Buchprojekt nun ändern.

Der Kanton Thurgau will nämlich ein Buch über Glasmalerei veröffentlichen. Der Regierungsrat hat zu diesem Zweck 480 000 Franken aus dem Lotteriefonds gesprochen. In dem Buch soll die Glasmalerei mit ihrem kulturhistorischen Hintergrund vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert dokumentiert werden. Das Interesse an Glasmalerei sei grösser, als man im ersten Moment glaubt, sagt Martha Monstein.

Material und Kultur

Das Buch soll den Namen «Corpus Vitrearum Kanton Thurgau» tragen. Diesen verdankt es der internationalen Organisation Corpus Vitrearum, die sich mit Glasmalerei als Quelle für historische Forschung beschäftigt. In der Schweiz ist das Vitrocentre in Romont Forschungsstelle der Organisation. Das Institut wird durch eine private Stiftung getragen. «Wir untersuchen zum einen den materiellen Zustand der Glasmalerei», sagt Stefan Trümpler, Direktor des Vitrocentre. Der andere Teil der Forschung umfasse den historischen Kontext. «Die Malereien halten immer einen historischen Moment fest, einen kulturellen Hintergrund. Sie sagen etwas über die Gesellschaft aus.» So seien nicht nur Kirchenfenster interessant, sondern auch jene in Rathäusern. «Sie zeigen meist Wappen, die in der Regel Geschenke der Nachbarstädte oder Nachbarkantone waren», erklärt Trümpler. Seien Gemeinden oder Kantone miteinander in Streit geraten, dann wurde das Wappen jeweils zerstört. «Die Glasmalereien befanden sich im öffentlichen Raum und hatten eine mediale Aufgabe.»

Die Arbeit der Forscher komme der kantonalen Denkmalpflege und dem Historischen Museum Thurgau zugute, sagt Martha Monstein. Das Buch sei zum einen ein Bilderbuch, welches die Malereien zeige. Es würde aber auch die historischen Fakten festhalten. «Es ist öffentlich zugänglich und nicht nur für Eingeweihte spannend.»

Laufzeit von sechs Jahren

Bis zur Publikation des Buches rechnet der Kanton mit einer Laufzeit von sechs Jahren, wie in einer Medienmitteilung steht. Die Gesamtkosten betragen 1,1 Millionen Franken. Neben dem Beitrag aus dem Lotteriefonds werden weitere 480 000 Franken über das Vitrocentre eingebracht. Ausserdem könne mit 140 000 Franken vom Schweizerischen Nationalfonds und von der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften gerechnet werden. Bis heute wurden 100 Corpus- und Studienbände publiziert, die sich mit Glasmalerei beschäftigen. In der Schweiz sind bisher zehn erschienen.