«Das fordert auch die Wirtschaft»

Der Thurgau soll die vier nationalen Bildungsziele umsetzen, obwohl das Volk das HarmoS-Konkordat deutlich verwarf. Der Kanton habe alles Interesse, dass die Leistungen der Schüler vergleichbar seien, sagt Regierungsrätin Monika Knill.

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Monika Knill Regierungsrätin, Chefin Departement für Erziehung und Kultur (Bild: Quelle)

Monika Knill Regierungsrätin, Chefin Departement für Erziehung und Kultur (Bild: Quelle)

Die Kantone haben sich auf vier Bildungsziele geeinigt, die Schülerinnen und Schüler in der ganzen Schweiz erreichen sollen. Ist diese Harmonisierung wirklich nötig?

Monika Knill: Ja, diese Ziele braucht es. Der Bildungsartikel in der Verfassung schreibt vor, dass die Kantone gemeinsam die Bildungsstufen harmonisieren, das heisst Grundkompetenzen bestimmen, welche schweizweit alle Schülerinnen und Schüler erreichen sollen. Die vier Bildungsziele sind der erste Schritt und das Fundament dazu. Einen Vorbehalt gibt es, und er ist wichtig: Die Ziele betreffen Schülerinnen und Schüler nicht, die aufgrund ihrer Fähigkeiten individuelle Lernziel-Anpassungen haben.

Aber profitieren Schülerinnen und Schüler von diesen Zielen?

Knill: Die einzelne Schülerin, der einzelne Schüler wird nicht direkt mit diesen Zielen in Berührung kommen. Es wird kein Dokument geben, welches direkt an die Schüler- oder an die Lehrerschaft gerichtet ist. Die Bildungsziele werden in die Lehrpläne und Lehrmittel einfliessen, die dann für Lehrerinnen und Lehrer verbindlich sind.

Es gibt jedoch Bedenken des Schweizerischen Lehrerverbandes, dass die Ziele die schwachen Schülerinnen und Schüler überfordern könnten.

Knill: Bevor Lehrpläne und Lehrmittel vorliegen, kann man nicht von einer Überforderung sprechen. Klar ist, dass sich auch die Bildungsziele an den Leistungen der Schülerinnen und Schüler orientieren. Eine Mehrheit der Schülerinnen und Schüler soll die Bildungsziele am Ende des 2., des 6. und des 9. Schuljahres erreichen können. Die Leistungsorientierung ist wichtig. Die Kantone wiederum legen fest, wie sie mit Schülern umgehen, die diese Grundkompetenzen nicht erfüllen.

Der Thurgau ist dabei in einer speziellen Lage, weil er zwar den Lehrplan 21 einführen will, das Volk das Bildungskonkordat HarmoS aber abgelehnt hat. Ist es nicht heikel, die Bildungsziele trotz des HarmoS-Neins zu harmonisieren?

Knill: Nein, gar nicht. Die Bildungsziele wurden ausserhalb des HarmoS-Konkordats erarbeitet und mussten wie vereinbart mindestens von einer Zweidrittel-Mehrheit der Kantone beschlossen werden. Auch die Nicht-HarmoS-Kantone haben alles Interesse, die Grundkompetenzen der Schüler festzulegen. Schwieriger wird es, wenn die Bildungsziele weiterentwickelt werden. Dieser Entscheid obliegt ausschliesslich den HarmoS-Kantonen.

Das bedeutet aber, dass der Thurgau ausgeschlossen ist.

Knill: Der Thurgau wird nicht direkt mitentscheiden können. Die Bildungsziele sind aber so allgemein gehalten, dass es keine grossen Anpassungen geben dürfte. Entscheidender wird die Frage sein, wie der Thurgau den gemeinsamen Deutschschweizer Lehrplan 21 umsetzen wird.

Ihre Partei, die SVP Schweiz, kritisiert, dass die Bildungsziele viel zu schwammig und eigentlich überflüssig sind.

Knill: Ich hätte Mühe, wenn die Bildungsziele den Kantonen zu viel Spielraum wegnehmen würden. Das ist klar nicht der Fall. Die Kantone sollen zusätzliche Fächer und somit Ergänzungen zum Lehrplan nach wie vor selber festlegen können. Es liegt aber im Interesse des Kantons Thurgau, dass seine Schülerinnen und Schüler Fertigkeiten und Kenntnisse haben, die mit denen in den anderen Kantonen vergleichbar sind. Und genau das wollen wir mit den Bildungszielen erreichen.

Also kein HarmoS durch die Hintertüre?

Knill: Nein. Sondern eine vernünftige Harmonisierung der Grundkompetenzen. Dass sie verglichen werden können, fordert ja auch die Wirtschaft und fordern die weiterführenden Schulen. Sie alle wollen wissen, was eine Schülerin, was ein Schüler kann. Die Unterschiede zwischen den Kantonen dürfen nicht zu gross sein.

Wie will der Kanton Thurgau diese vier Bildungsziele konkret umsetzen?

Knill: Wie genau die Anforderungen an Schülerinnen und Schüler aussehen werden, wird sich erstmals mit dem Entwurf des Lehrplans 21 zeigen. Die Fachleute, die ihn zurzeit entwickeln, werden sich an den vier Zielen orientieren.

Der Lehrplan 21 ist aber auch umstritten, die SVP will ihn bekämpfen. Wird der Thurgau diesen gemeinsamen Lehrplan überhaupt einführen können?

Knill: Wir arbeiten klar auf dieses Ziel hin und sind in verschiedenen Gremien vertreten. Die 21 Deutschschweizer Kantone sollen einen gemeinsamen Lehrplan erhalten. Die Anforderungen an ihn sind allerdings hoch: Der Lehrplan muss ein wirkungsvolles Instrument für die Lehrpersonen werden und den Kantonen auch Freiraum für eigene Schwerpunkte lassen. Der Regierungsrat wird die Flinte nicht voreilig ins Korn werfen. Anfangs 2013 werden wir uns zum Entwurf äussern können.

Interview: Marc Haltiner