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Das fleissige Schneiderlein

Sie arbeitet sechs Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag. Die gebürtige Kreuzlingerin Eva Bräutigam hat ihr Leben der Feinmassschneiderei verschrieben.
Amy Douglas (text), Reto Martin (fotos)
Feinmassschneiderin Eva Bräutigam näht die Einlage aus Kamel- und Rosshaar in den Herrenanzug ein. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Feinmassschneiderin Eva Bräutigam näht die Einlage aus Kamel- und Rosshaar in den Herrenanzug ein. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Es riecht nach Leder. Im Hintergrund leise Musik. Der Baulärm von draussen ist noch zu hören, doch die Welt da draussen scheint fern. Hier sind Stoffe ausgebreitet, Schnittmuster hängen von der Decke. Schneiderbüsten entlang der Fensterfront. Vor einer Büste auf ihre Arbeit konzentriert – fast versunken – steht Eva Bräutigam und prüft den bald fertigen Herrenanzug.

Seit sieben Jahren arbeitet die 32-Jährige als selbständige Feinmassschneiderin in Zürich. Aufgewachsen ist sie in Kreuzlingen, wo ihre Familie immer noch zu Hause ist. Wenn Eva Bräutigam mit dem Zug durch den Thurgau in ihre alte Heimat fährt, muss sie schmunzeln. «Da sehe ich die 100 000 Apfelbäume und denke, es ist halt wirklich das Mostindien.» In Zürich fühlt sich Bräutigam zu Hause. «Ich liebe das Treiben der Stadt», sagt sie und späht nach draussen, wo Fussgänger und Velofahrer vorbeiziehen. «Wegen meiner ruhigen Arbeit könnte ich nicht auf dem Land wohnen. Ich mag den Kontakt mit Menschen.»

Mit ihrem Beruf übt sie ein traditionelles, beinahe vergessenes Handwerk aus. Im Feinmass wird im Gegensatz zu Anzügen von der Stange oder massgeschneiderten Stücken beinahe jeder Arbeitsschritt von Hand ausgeführt. Die Einlage aus Kamel- und Rosshaar werden von Hand eingearbeitet und der Kragen wird pikiert – fein vernäht – statt geklebt. «Der Kunde kommt drei- bis viermal vorbei zur Anprobe. Somit dauert der Prozess im Feinmassgeschäft viel länger, bis ein Anzug fertig ist», sagt Eva Bräutigam. Dafür entsteht ein Kleidungsstück, das dem Träger optimal passt und wie eine zweite Haut ist. Die Schneiderin fährt mit einem sechs Kilo schweren alten Bügeleisen über eine Anzughose.

Noch immer der niedrigste Handwerkerlohn

Der aufwendige Prozess und die exklusiven Stoffe haben ihren Preis: Ein Anzug kostet ab 7800 Franken. «Wer sich einen Feinmassanzug machen lässt, der tut dies, weil er das Handwerk schätzt und es ihm wert ist», sagt Bräutigam. «Oft ist der Unterschied des Tragkomforts vom Feinmassanzug zur Stangenware so gross, dass sich ein Kunde nach dem ersten Anzug einen zweiten machen lässt.» Trotzdem verdient sich die Feinmassschneiderin mit ihrem Handwerk keinen goldenen Daumen. «Mein Lohn ist vergleichbar mit dem einer Coiffeuse. Aber die Wertschätzung meiner Kunden ist riesig. Es entstehen oft Freundschaften, aus Liebe zum Handwerk.»

Wenn ein Kunde das erste Mal vorbeikommt, bespricht er mit Eva Bräutigam das Modell des Anzuges und wählt einen Stoff aus. Die Schneiderin öffnet die Glastür eines mächtigen alten Holzschranks und präsentiert die Vielfalt ihrer Stoffe. «Das Meiste beziehe ich aus England und Italien.» Diese Länder seien spezialisiert auf feinste Wolle für Herrenstoffe. «Ich persönlich bevorzuge die englischen Stoffe. Sie sind mutiger in der Farbe», sagt die junge Geschäftsfrau und streicht über einen bunten Harris-Tweed. Wenn der Stoff ausgewählt ist, vermisst Eva Bräutigam den Kunden und berechnet dann die Offerte. Bis der Anzug fertig ist, dauert es etwa ein bis zwei Monate.

Eva Bräutigam beschäftigt zwei Angestellte, die die traditionelle Verarbeitung ebenfalls beherrschen. Sie bietet neben Feinmasskleidungsstücken auch massgeschneiderte Anzüge an. Dabei arbeitet sie mit der Fabrikation Scabal in Saarbrücken zusammen. «Dort werden dieselben Materialien und die losen Einlagen verwendet. Der grosse Unterschied liegt darin, dass die Arbeitsschritte maschinell angefertigt werden», sagt Bräutigam. Seit ihrer Selbständigkeit arbeitet Bräutigam sechs Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag. Trotzdem strahlt sie Energie und Frische aus. «Ich liebe dieses Handwerk», sagt sie. «Ich will mit meinem Beruf alt werden.»

Respekt und Anerkennung für das Feinmass

Das Schneidern lag ihr von klein auf, als sie Kleidchen für ihre Puppen nähte. Aber dass es ihr Beruf werden könnte, hatte sie lange nicht gedacht. «Nach dem Gymi wusste ich nicht, was ich werden wollte», sagt Eva Bräutigam. So besuchte sie einen Berufsberater, der ihr riet, das Hobby zum Beruf zu machen und Schneiderin zu werden. Bräutigam absolvierte die Damenschneiderlehre in Basel und erlernte danach das Herrenschneidern bei einem britischen Lehrmeister. Kaum eine Schneiderei arbeitet heute in der Schweiz noch nach traditioneller Weise wie es Eva Bräutigam lernte, und deshalb war für sie klar: Sie würde sich selbständig machen. Ein mutiger Schritt, sagten viele. Die damals 25-Jährige dachte sich aber, dass sie eigentlich nichts zu verlieren hätte. «Ich musste keine grossen Investitionen machen», sagt sie. «Wenn es nicht geklappt hätte, wären mir immer noch viele Möglichkeiten offen gestanden, wo ich wahrscheinlich sogar mehr verdient hätte.»

Während sechs Jahren arbeitete Bräutigam in einem kleinen Atelier sous-sol und baute sich durch Fleiss einen Kundenstamm auf. Seit April 2015 hat Eva Bräutigam einen neuen Standort: Die Europaallee an der Lagerstrasse in Zürich.

«Feinmasskleider sind sicher Nischenprodukte. Aber ich habe das Gegenteil von zu wenig Arbeit.» Im März arbeitete sie an einem Hochzeitskleid und weil die Zeit so knapp war, legte sie zwei Wochen lang Nachtschichten ein. Als sie das Kleid in der letzten Nacht – nach 24 Stunden Arbeit am Stück – fertig hatte, erfüllte sie das Gefühl einen Zenit erreicht zu haben. Sie wusste, es war ihr persönliches Meisterstück.

Eva Bräutigam geht zu einem Ständer. Es sind besondere Stoffe, die daran hängen: Fabrikate in schillerndem Blau, leuchtendem Gelb, hellem Orange. Sie fährt mit der Hand durch die Reihen, wählt bedächtig aus. Tiefrote Spitze, 900 Franken den Meter. «Daraus wollte ich mir ein Kleid nähen.» Doch dafür fehlt ihr die Zeit. «Der Kunde geht eindeutig vor.» Gerade öffnet sich die Tür, ein Kunde tritt ein. Die hohen Absätze klacken über den Holzboden, als Eva Bräutigam das Atelier durchquert, um ihren Gast zu begrüssen. Das Geschäft läuft.

Mit dem sechs Kilogramm schweren Bügeleisen «dressiert» Eva Bräutigam die Anzughose in ihre Passform. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Mit dem sechs Kilogramm schweren Bügeleisen «dressiert» Eva Bräutigam die Anzughose in ihre Passform. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

In diesem Schrank bewahrt die Schneiderin ihre verschiedenen Stoffe und Muster auf. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

In diesem Schrank bewahrt die Schneiderin ihre verschiedenen Stoffe und Muster auf. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Beinahe jeder Arbeitsschritt geschieht von Hand: Bräutigam vernäht den feinen Wollstoff. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Beinahe jeder Arbeitsschritt geschieht von Hand: Bräutigam vernäht den feinen Wollstoff. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

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