Das Erdbebenrisiko ist gross

FRAUENFELD. In Sachen Geothermie muss das EKT über die Bücher gehen. Die Gefahr, dass die im Oberthurgau geplante Tiefenbohrung Erdbeben auslöst, ist laut einer Studie gross. Experte Roland Wyss empfiehlt einen Konzeptwechsel.

Christof Widmer
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Kein Vorbild mehr für den Thurgau: Geothermiebohrung im Sittertobel im Juli 2013. (Bild: Urs Jaudas)

Kein Vorbild mehr für den Thurgau: Geothermiebohrung im Sittertobel im Juli 2013. (Bild: Urs Jaudas)

Der Oberthurgau ist nicht mehr gesetzt als Standort für ein Geothermiekraftwerk. Zwar will das Elektrizitätswerk des Kantons Thurgau (EKT) nach wie vor Strom und Heizenergie aus Erdwärme gewinnen. Der ursprüngliche Plan erweist sich aber als unrealistisch. Das EKT wollte im Oberthurgau kilometertief unter der Oberfläche dieselbe Störungszone anbohren, die auch das Geothermieprojekt der Stadt St. Gallen anpeilte. Dies in der Hoffnung, dass im aufgebrochenen Gestein genügend Heisswasser fliesst, um damit das Kraftwerk zu betreiben. Als die St. Galler in die Bruchzone vorstiessen, löste das aber ein Erdbeben aus, welches auch das Vertrauen in das Projekt erschütterte.

Das EKT hat deshalb eine seismische Gefährdungsabschätzung für sein im Oberthurgau geplantes Geothermiekraftwerk in Auftrag gegeben. Ergebnis: «Es besteht ein nicht unerhebliches Risiko eines Knackens im Untergrund, was zu einem Erdbeben führen könnte», bestätigt EKT-CEO Jolanda Eichenberger. Für das EKT stellen sich nun versicherungstechnische Fragen. In den nächsten Monaten kläre das Unternehmen ab, wie allfällige Erdbebenschäden abgedeckt werden können, sagt Eichenberger (Kasten). «Sind diese Risiken nicht versicherbar und stellt sich kein weiteres Gremium für die Risikoübernahme zur Verfügung, wird das EKT kein Geothermieprojekt durchführen.»

Oberthurgau am geeignetsten

Zurzeit scheint das EKT keinen anderen Standort für ein Geothermiekraftwerk zu suchen. Aus geologischer Sicht sei dort der beste Standort für ein hydrothermales Kraftwerk, sagt Eichenberger.

Es komme wohl nicht mehr in Frage, wie geplant in die Störungszone zu bohren, sagt dagegen der Frauenfelder Geothermieexperte Roland Wyss. Der Generalsekretär der Schweizerischen Vereinigung für Geothermie hat die EKT-Studie zur Gefährdungsabschätzung begleitet. Wyss empfiehlt dem EKT einen Konzeptwechsel. Statt in die Störungszone zu bohren und Erdstösse zu riskieren, sollten andere wasserführende Schichten ins Auge gefasst werden.

Als Alternative bringt Wyss einen völligen Technologiewechsel ins Spiel: Statt wasserführende Schichten anzupeilen, könnte auch fester Fels künstlich aufgebrochen und mit Wasser gefüllt werden. Dieses Vorgehen plant die Geoenergie Suisse AG in Etzwilen. Damit müsste das EKT-Geothermiekraftwerk nicht mehr zwingend im Oberthurgau stehen. «Der Oberthurgau ist nicht ausgeschlossen, aber auch nicht mehr gesetzt», sagt Wyss.

Messungen im Hinterthurgau?

Der Kanton erwartet vom EKT nach wie vor, dass es an der Geothermie festhält. Das kantonseigene Unternehmen soll die Suche nach einer Versicherungslösung und einem geeigneten Partner vorantreiben, schreibt der Regierungsrat in der Antwort auf eine Interpellation. Darin drängt eine Reihe von Kantonsräten darauf, dass das EKT die Seismik-Kampagne zur Erforschung des Untergrunds endlich durchführt. Diese war nach dem St. Galler Beben auf Eis gelegt worden. Der Regierungsrat bezeichnet es als wünschenswert, wenn das EKT im Oberthurgau und im Hinterthurgau Messungen vornehmen würde. Beide Regionen sind geeignet für ein Geothermiekraftwerk.

Eine Seismik-Kampagne geht aber in die Millionen. Eine solche Investition sei nur sinnvoll, wenn Aussicht bestehe, dass danach ein Geothermieprojekt realisiert werden könne, schreibt der Regierungsrat. Der Kanton würde eine Seismik-Kampagne unterstützen. Das kantonale Geothermiekonzept sehe eine finanzielle Beteiligung vor, sagt Andrea Paoli, Leiter der kantonalen Abteilung Energie.