Das Einzelhaus muss sich einordnen

Der Frauenfelder Stadtbaumeister Christof Helbling hat vor den Frauenfelder Architekten ein Plädoyer für Baukultur gehalten. Er möchte Verständnis dafür wecken, dass sich einzelne Bauten genau wie in den Altstädten in einen Zusammenhang einordnen müssen.

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An der Frauenfelder Fliederstrasse haben die einzelnen Bauherrinnen ihren Beitrag zu einem stimmigen Gesamtbild geleistet. (Bild: Donato Caspari)

An der Frauenfelder Fliederstrasse haben die einzelnen Bauherrinnen ihren Beitrag zu einem stimmigen Gesamtbild geleistet. (Bild: Donato Caspari)

Herr Helbling, Architekten loben Ihr Plädoyer für eine bessere Baukultur, das Sie am Frauenfelder Architektentreffen am Montag gehalten haben. Lässt die Baukultur in Frauenfeld zu wünschen übrig?

Christof Helbling: Es gibt eine gute Strömung von Architekten und Bauherren, die Verständnis für kulturelle Belange aufbringen, und es gibt einen grossen Teil, der sich nicht darum kümmert.

Was möchten Sie mit Ihrem Aufruf erreichen?

Helbling: Wir möchten das Verständnis wecken dafür, dass der Dienst am Ganzen grösser ist, wenn man sich ein wenig einordnet. Baukultur ist die Summe der vielen kleinen Dinge, die ein grosses Ganzes ergeben. Somit kann nicht einfach gelten, wer die Bauordnung einhält, darf bauen, was er will.

Können Sie ein Beispiel für gute Baukultur geben?

Helbling: Die Fliederstrasse zwischen Gerlikonerstrasse und Oberwilerweg ist ein Massstab dafür, wie Wohnen im öffentlichen Raum dargestellt werden kann. Es geht nicht um einzelne hochwertige Bauten, sondern um eingeordnete Bauten, die sich gegenseitig ergänzen und nicht konkurrenzieren. So ist ein stimmiges Gesamtbild entstanden.

Was sind die entscheidenden Elemente?

Helbling: Es ist die Abfolge von Gebäuden, die aus derselben Sprache kommen und doch individuell sind. Das zeichnet auch Altstädte aus. Sie sind aus einem Guss. Dadurch entsteht eine homogene einheitliche Kraft, die man spürt, wenn man hindurchgeht. Nicht so in der Gertwies. Dort ist jedes Haus einzigartig, möchte Aufmerksamkeit erregen und Individualismus darstellen.

Wieso ist das gelungen in der Fliederstrasse?

Helbling: Man hat gezielt von Fassade zu Fassade geplant. Dieser Bereich ist von öffentlichem Interesse. Hier versuchen wir zu kontrollieren, was geschieht, und erlassen verschärfte Auflagen.

Und in der Gertwies nicht?

Helbling: Das hat man dort verpasst. Gute Baukultur bedeutet nicht, ein einzelnes gutes Objekt zu erschaffen. Denn ein einzelnes Gebäude kann nur bedingt einen Beitrag zum stimmigen Ganzen leisten. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass mit einem Gestaltungsplan Regeln aufgestellt werden, die gestalterische Auflagen enthalten und nicht einfach die Erschliessung regeln.

Hat das Ihr Vorgänger versäumt?

Helbling: Es war eine politische Sache. Die Frage ist immer, wie viel man vorschreibt und wie viel nicht. Ich würde gerne gar nichts vorschreiben. Es zeigt sich aber, dass beim Fehlen von Vorgaben nicht der Wille und das Können aufgebracht werden können, um Baukultur von sich heraus zu erschaffen. So werden wir gezwungen, jeden einzelnen zu einem Kulturbeitrag zu verpflichten. Das hat man etwa auch im Gestaltungsplan im Breitfeld gemacht, und dort hat es funktioniert.

Welches Neubaugebiet gestalten Sie als nächstes?

Helbling: Zurzeit ist keines in Arbeit. Aber wir haben bestehende Baustellen, die wir flicken. Der Strassenraum an der Zürcherstrasse Ost zum Beispiel ist am Zerfallen. Vom Lindenspitz zum Towerkreisel ist es kein schöner öffentlicher Raum, in dem man gern spazieren geht. Dort fährt man höchstens mal mit dem Auto durch, so schnell wie möglich.

Was kann man da noch retten?

Helbling: Wir versuchen, eine neue Stadtszene zu formulieren. Dabei hilft uns, dass die meisten Häuser auf der Baulinie stehen. Mit Nachverdichtung kann man versuchen, die Lücken zu füllen und mit Einsatz von Bäumen den Strassenraum zu strukturieren. Man soll merken, dass man in Frauenfeld einfährt.

Interview: Thomas Wunderlin

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