Das Comeback

Das war zu viel. Als der Kollege mit besten Beziehungen zum Hauptsponsor kürzlich triumphierend mit seinem Euro-Ticket wedelte, platzte mir der Kragen. Eine Karte fürs Viertelfinal sogar: Mit freundlichen Grüssen vom Sponsor.

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Das war zu viel. Als der Kollege mit besten Beziehungen zum Hauptsponsor kürzlich triumphierend mit seinem Euro-Ticket wedelte, platzte mir der Kragen. Eine Karte fürs Viertelfinal sogar: Mit freundlichen Grüssen vom Sponsor.

Und ich? – Ich, der Underdog (ohne Beziehungen zu einem Hauptsponsor) war den Leidensweg des gewöhnlichen Fans gegangen. Hatte mich ins Heer der Ticket-Antragsteller für die hoffnungslos überlaufenen Euro-Spiele eingeloggt, hatte gehofft und gebangt – monatelang. Herausgekommen ist damals das für Glücksspiele übliche Resultat: «Leider nein.» Game over.

Jetzt also platzte mir, gleichsam in der Nachspielzeit, doch noch der Kragen. Das musste er nun hören, dieser Ticket-Inhaber mit dem gesponserten Freibillett. Dass der Fussball doch in erster Linie vom Fan lebt! Dass er, der Fan, die Stimmung in diese Stadien bringt mit den unseligen Cüpli-Galerien. Der einfache Zuschauer zähle halt einfach nichts, habe ich dem Ticket-Besitzer gesagt, wenn Honoratioren für andere Honoratioren ein Fussballfest organisieren. Und überhaupt, diese Uefa…

Heute weiss ich: Es gibt nicht nur Comebacks auf dem grünen Rasen. Es kann sie auch beim Euro-Ticket-Roulette geben. Vor Wochenfrist staunte ich nämlich nicht schlecht, als ich Mail-Post von der Uefa erhielt. Aus heiterem Himmel wurden mir – aufgrund meiner Position auf der Warteliste – zwei Euro-Eintrittskarten in Aussicht gestellt. Einmal leer schlucken. Euro-Tickets! Ich. Tickets!!

Erster Gedanke: Da will dich jemand auf die Schippe nehmen. Oder noch schlimmer: Nachdem ich beim Eintrittskarten-Poker leer ausgegangen bin, möchte nun auch noch die Mafia bei den Düpierten abkassieren.

Die Gauner-Theorie geriet allerdings spätestens dann ins Wanken, als ich auf die offizielle Euro-08-Internetseite verwiesen worden war und dort meinen alten Kartenantrag wieder reaktivieren konnte. Nachher nahm tatsächlich alles seinen seriösen Gang. Und seit letztem Sonntag steht definitiv fest: Es war die Uefa, nicht die Mafia. Am kommenden Freitag, 18 Uhr, Stadion Letzigrund in Zürich. Italien gegen Rumänien findet mit dem Underdog statt.

Was zählt da noch, dass ich gleichsam zwangsverpflichtet wurde, mir die teuersten Karten zu leisten (die Cüpli-Fraktion in Sichtweite). Dann also die Haupttribüne, wieso eigentlich nicht. Und dass ich die Tickets selber beim Stadion in Zürich abholen musste. Ich war, als ich sie endlich in Händen hielt, trotzdem überglücklich.

Das muss man mir auch angesehen haben. Denn ein wildfremder Herr wünschte mir auf dem Rückweg zur Tramstation freundlich «viel Spass». Danke vielmals. Christian Kamm

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