Das Aufräumen nach der Sintflut

Die verheerenden Niederschläge vom Sonntagabend haben die Region Wil stark getroffen. 380 Schadensmeldungen gingen bis Montagabend ein. Anhaltender Regen erschwerte die Aufräumarbeiten zusätzlich.

Christoph Fust
Merken
Drucken
Teilen
In Bronschhofen hat der Maugwilerbach eine Garageneinfahrt weggeschwemmt. (Bild: Hanspeter Schiess)

In Bronschhofen hat der Maugwilerbach eine Garageneinfahrt weggeschwemmt. (Bild: Hanspeter Schiess)

WIL. Ein junger Mann stösst mit dem Fuss frustriert einen Erdklumpen in den Maugwilerbach. Er richtet nicht viel damit aus – etliche Tonnen Geröll liegen noch auf den Vorplätzen, den Strassen und in den Garagen von Bronschhofen. Die Anwohner bauen die Mauer aus Sandsäcken wieder ab, ein Schaufelbagger kratzt Schlamm zusammen. Vor ein paar Tagen hätte hier noch niemand gedacht, dass sich der unscheinbare Dorfbach plötzlich zu einem reissenden Fluss entwickeln könnte.

«Der Pegel stieg innerhalb von wenigen Minuten an», sagen Betroffene noch immer ungläubig. Zwei Männer schleppen einen Kleinbus aus einer Garage. Der Motor springt nicht an. Stunden zuvor stand das Fahrzeug einen Meter tief im Wasser. «Ich habe viel Zeit und Herzblut in den Bus gesteckt», sagt der Besitzer. Ob er diesen Aufwand noch einmal auf sich nimmt, weiss er nicht.

Garagenausfahrt weggespült

Einige Meter entfernt hat der Bach ein Auto mitgerissen und unter einer Strassenbrücke hindurchgespült. Auch das Auto von Pasquale Facenna wäre beinahe in der braunen Brühe verschwunden. Er fuhr es am Sonntagabend vorsichtshalber aus der Tiefgarage. Kurz danach gab die Ausfahrt dem Druck der Wassermassen nach und wurde weggespült. «Ich hatte grosses Glück. Zwei Minuten später wäre ich mitsamt dem Auto den Abhang hinuntergestürzt», sagt er.

Weniger Glück hatten die Besitzer eines Lagerraums für Arzt- und Spitalzubehör. Auf 150 000 Franken schätzen sie den Schaden, den das Wasser und der Schlamm hier angerichtet haben. Mit einem Hochdruckreiniger spritzen sie alles ab, was noch zu retten ist. Der Hauswart José Pereira hat die ganze Nacht lang nicht geschlafen. «Meine Sorge war zu gross», sagt er.

Stromausfall in Rossrüti

Auch Rossrüti, ein weiterer Ortsteil der Stadt Wil, hat stark unter den Wassermassen gelitten. Hier trat der Krebsbach über die Ufer und flutete Dutzende Kellerräume. Die Einwohner mussten am Sonntagabend ausserdem mit einem längeren Stromausfall zurechtkommen. In der Nacht auf gestern wurden Notstromgruppen vor Ort gebracht, welche im Quartier nun einen provisorischen Notbetrieb ermöglichen.

Meldung für Meldung arbeiten die Feuerwehrleute auch in Rossrüti ab. In einer Überbauung pumpen sie den vierten Liftschacht an diesem Tag leer. Viel Zeit für Pausen bleibt nicht. «Ich hatte noch gar nichts Richtiges zu essen», sagt Stefan Thoma. Sobald das Wasser abgepumpt ist, rollen sie die Schläuche zusammen und fahren zum Stützpunkt. Dort holen sie einen neuen Stapel Schadensmeldungen.

Bei Wohnungen direkt gegenüber hat die Feuerwehr ihre Arbeit bereits beendet. Über den Fussballplatz floss das Wasser in Lichtschächte und drückte Kellerfenster ein. Auch zwei Wohnungen wurden überflutet. Eine Etage tiefer räumt Monika Baumann ihr Kellerabteil leer. «Mich reuen vor allem die Erinnerungen an meine Söhne, die ich nun wegschmeissen muss», sagt sie.

Die Region Wil wurde von den massiven Niederschlägen am Sonntagabend stark getroffen. 380 Schadensmeldungen gingen beim Sicherheitsverbund Region Wil respektive beim Regionalen Führungsstab Wil bis gestern abend ein. Um alle Einsätze bewältigen zu können, war die Stadt Wil auf Hilfe und Material von umliegenden Gemeinden angewiesen.

120 Personen im Einsatz

Insgesamt standen gut 120 Personen und 25 Fahrzeuge im Einsatz, zudem wurden rund 40 Zivilschutzangehörige aufgeboten. Auch der Feuerwehrstützpunkt Rapperswil-Jona bot Hilfe an und ist mit vier Einheiten und einem Dutzend Feuerwehrleuten angerückt.

Zusätzlich zu überfluteten Kellern und Tiefgaragen standen am Sonntagabend verschiedene Unterführungen voll Wasser. Unter dem Bahnhof wateten Pendler in knöchelhohem Wasser. Auf der Autobahn A1 bei Wil war die Fahrspur in Richtung Zürich von schätzungsweise 250 Kubikmetern Geröll bedeckt, das stellenweise 50 bis 60 Zentimeter hoch lag. Gestern konnte die Fahrbahn wieder für den Verkehr freigegeben werden.

Nach bisherigem Kenntnisstand sind keine Personen zu Schaden gekommen. Über die Höhe der Schäden ist noch nichts bekannt. Gestern abend konnte der Einsatz in der Region Wil beendet werden.

Ein Einwohner von Bronschhofen baut die Mauer aus Sandsäcken ab. (Bild: Hanspeter Schiess)

Ein Einwohner von Bronschhofen baut die Mauer aus Sandsäcken ab. (Bild: Hanspeter Schiess)