«Das Asylrecht ist ein Dschungel»

KREUZLINGEN. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Thurgau standen im Zentrum des Flüchtlingstages im Torggel Rosenegg. Als riesige Herausforderung sieht Regierungspräsident Jakob Stark diese Aufgabe.

Margrith Pfister-Kübler
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An der Podiumsdiskussion: Christian Brändle, Claudia Semadeni, Tilla Jacomet, Susanne Ammann und Hans-Rudolf Müller. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

An der Podiumsdiskussion: Christian Brändle, Claudia Semadeni, Tilla Jacomet, Susanne Ammann und Hans-Rudolf Müller. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Die Betreuung von minderjährigen Flüchtlingen, ohne Bezugspersonen, die in die Schweiz geflüchtet sind, stiess am Samstag im Torggel Rosenegg auf grosses Interesse, selbst die Treppenstufen waren besetzt. Regierungspräsident Jakob Stark sprach von einer grossen Herausforderung und dankte den Organisationen und Institutionen, die sich im Milizsystem für individuelle Lösungen einsetzen. Fördern und fordern müsse man die minderjährigen Flüchtlinge, damit sie ihr Leben meistern lernen und später nicht zum Problem werden.

Von tragischer Wahrheit sprach Kreuzlingens SP-Stadträtin Barbara Kern: «Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, da muss man hinschauen, auch wenn dies hilflos und sprachlos macht.» Dabei brauche es immer einen Blick in die Politik. Kern nannte Asylpolitik und Waffenexport. «Wir in der Schweiz haben die Pflicht Flüchtlingen rechtliche und menschliche Hilfe zu bieten.» Und sie pflichtete Regierungsrat Stark bei, der sagte, man müsse den Glauben an die Zukunft dieser minderjährigen Flüchtlinge stärken.

21 minderjährige Flüchtlinge

Die Podiumsteilnehmer Claudia Semadeni, Leiterin KESB Weinfelden, Tilla Jacomet (HEKS-Mitarbeiterin) und Susanne Ammann (Caritas) zeigten unter der Gesprächsleitung von Hans-Rudolf Müller die Vernetzungen, die Verantwortlichkeiten und die langen Wege über die zuständigen Schnittstellen im Asylrecht auf. Ammann, mit 20 Jahren Aslyrechterfahrung, dazu: «Das Asylrecht ist ein Dschungel.» Als Dschungel erwies sich auch der Behörden-Weg für Christian Brändle, Weinfelden, Pflegevater von Flüchtling Seni, einem 2013 aufgegriffenen minderjährigen Flüchtling. Er zeigte die Maschinerie bis zum Pflegevertrag auf. Dieser wurde hinfällig, als der Flüchtling – nach einem Telefon mit dessen Mutter – plötzlich drei Jahre älter war, also volljährig. Derzeit halten sich im Thurgau 21 minderjährige Flüchtlinge im Alter von 12 bis 18 Jahren auf. Brändle ist punkto Amtswege davon überzeugt: «Die psychologische und juristische Ebene passen nicht zusammen.»

Thurgau hinkt hinterher

Besucherin Andrea Keller, Leiterin Kompetenzzentrum Weinfelden, beklagte auf Nachfrage, dass die Beistände im Thurgau nicht ausgebildet sind, auch sonst hinke der Thurgau im Vergleich zu umliegenden Kantonen hinterher: «Das ist kein neues Thema. Aber hier gibt es Überbleibsel aus der Zeit der Verdingkinder. Mit fehlt, dass diese Kinder Rechte haben.» GP-Kantonsrätin Brigitte Hartmann, Weinfelden, kündigte eine Einfache Anfrage im Grossen Rat an. Nach einem Apéro wurde der Film «Neuland» von Anna Thommen über eine Basler Integrationsklasse gezeigt.