Darunter verbirgt sich Geschichte

Das über 300 Jahre alte Schloss Wittenwil wird von Architekt Gabriel Müller renoviert und umgebaut. Beim Abmontieren und Abspitzen der in der Neuzeit dazugekommenen Materialien legen die Handwerker verkohlte Balken, Verzierungen und versteckte Briefe frei.

Raya Badraun
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Architekt Gabriel Müller bewundert die mit Blumen verzierte Zimmerdecke. Jahrelang lag sie unter Sperrholzplatten verborgen. (Bild: Donato Caspari)

Architekt Gabriel Müller bewundert die mit Blumen verzierte Zimmerdecke. Jahrelang lag sie unter Sperrholzplatten verborgen. (Bild: Donato Caspari)

WITTENWIL. Novilon, grober Putz, farbig gestrichene Holzverkleidungen: die 1960er- und 1970er-Jahre prägten das Innere des Schlosses Wittenwil. Die Bausünden schreckten den Architekten Gabriel Müller aber nicht ab, im Gegenteil. «Es ist für mich eine Herausforderung. Ich war mir sicher, dass sich darunter alte Mauern und Verzierungen verbergen», sagt der Frauenfelder, der im Auftrag des privaten Besitzers das Schloss renoviert und umbaut. In der Nummer 14, dem rechten Teil des Schlosses, entstehen zwei Wohnungen.

Auf verkohlten Balken gebaut

Müller ist auf die Renovation historischer Bauten spezialisiert. Während der letzten 18 Jahre waren seine Erwartungen schon enttäuscht worden. Nicht aber beim Schloss Wittenwil. Beim Abmontieren und Abspitzen der vergleichsweise neuen Materialien kam die Geschichte des Gebäudes zum Vorschein. So wurden im Kellergeschoss, das von der Strasse her zugänglich ist, verkohlte Balken und ein Boden aus verglühten Steinen freigelegt. Bisher ging man davon aus, dass der Bau – 1280 erstmals erwähnt – am 12. September 1656 vollständig abgebrannt war. Dies wurde durch den Fund widerlegt. Das Schloss brannte zwar, Teile des Kellergeschosses blieben aber erhalten. So sind die Balken nach wie vor in gutem Zustand und tragen das Gebäude auch weiterhin.

Neben Holzböden, Verzierungen an Decken und Riegeln, fanden der Architekt und die Handwerker zwischen den Deckenbalken auch eine Münze von 1720, Briefe und Katzen-Skelette.

Nein sagen gehört auch dazu

Nur mit einem Team von guten Handwerkern seien solche Renovierungsarbeiten möglich, betont Müller. Als Bauleiter sucht er mit den Handwerkern vor Ort nach Lösungen. «Sie müssen sorgfältig mit der Substanz umgehen, einen Berufsstolz haben und Nein sagen können», sagt der Architekt. Auch er lehne manche Eingriffe ab, dann nämlich, wenn sie dem Bauwerk nicht gerecht werden. «Die meisten Bauherren, die zu mir kommen, wissen, auf was sie sich einlassen», sagt Müller, der eng mit der Denkmalpflege zusammenarbeitet.

Zudem müssen sie flexibel sein. «Die Vorstellung und das Resultat können weit auseinander liegen.» Denn das Haus, und nicht der Architekt, gibt die Raumaufteilung vor. So hielt Müller beim Schloss Wittenwil beispielsweise eine der Wände für eine nachträglich eingebaute. Als unter dem Putz Riegel zum Vorschein kamen, musste er den Grundriss des Gebäudes nochmals überdenken.

Schafwolle als Dämmmaterial

Für die Renovierungsarbeiten verwendet Müller Materialien, die es bereits während der Entstehungszeit des Bauwerks gab: Kalkputz, Holz, Ölfarben und Schafwolle zur Dämmung der Wände. Die gefundenen Verzierungen und Malereien können dank der Erfahrung des Restaurators sowie dem Vergleich mit anderen Objekten oder Überlieferungen ergänzt werden. «Das Gebäude hat eine Geschichte», sagt Müller. «Diese will ich der nächsten Generation weitergeben.»

Das Stroh in der Mauer wurde als Putzträger verwendet. (Bild: Donato Caspari)

Das Stroh in der Mauer wurde als Putzträger verwendet. (Bild: Donato Caspari)

Die Kellermauern waren weiss gekalkt, nun werden sie freigelegt. (Bild: Donato Caspari)

Die Kellermauern waren weiss gekalkt, nun werden sie freigelegt. (Bild: Donato Caspari)

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