Da sind sich nicht alle grün

Die Wohnbaugenossenschaft Linde will an bester Lage in Steckborn preisgünstige Wohnungen bauen. Für den Baurechtsvertrag dazu braucht es am 5. Juni ein Okay des Stimmvolkes. Doch am Info-Abend am Mittwoch gab nicht allein dieser Vertrag zu reden.

Judith Meyer
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Genossenschaftspräsident Gregor Rominger (links) hat einige kritische Fragen aus dem Publikum zu beantworten. (Bild: Judith Meyer)

Genossenschaftspräsident Gregor Rominger (links) hat einige kritische Fragen aus dem Publikum zu beantworten. (Bild: Judith Meyer)

STECKBORN. Es war zu erahnen, dass sich einige Bürger und Bürgerinnen Klarheit über die diskutierten Ungereimtheiten in Bezug auf den Baurechtsvertrag versprachen: Die Aula im Schulhaus Feldbach in Steckborn war am Donnerstagabend fast gefüllt und die Erwartungen an den Infoanlass der Wohnbaugenossenschaft (Woba) Linde Steckborn hoch.

Alles der Reihe nach

Der Vorstand der Woba Linde hatte schon lange vor den Turbulenzen rund um den Baurechtsvertrag Lindenareal und der Abstimmung darüber zum Anlass eingeladen.

Obwohl sich nicht alle im Saal für einen Mietvertrag für eine preisgünstige Genossenschaftswohnung oder einen Erwerb von Anteilscheinen an der Woba interessieren, ging vorerst alles dem Programm nach: Der Präsident der Woba, Stadtrat Gregor Rominger, begrüsste herzlich und erläuterte sogleich Sinn und Zweck der geplanten Genossenschaftswohnungen auf dem Lindenareal. «Wenn man Genossenschaftswohnungen hört, denkt man unweigerlich an eine günstige Miete. Genossenschaftliches Wohnen in der Woba Linde ist aber mehr als nur günstige Mieten. Es ist gemeinschaftliches Wohnen, Mitbesitzen und Mitbestimmen.»

Tiefer Zinssatz ist Bedingung

Die Mieten in Wohngenossenschaften seien meist etwa einen Fünftel günstiger als marktübliche Mieten. Er bekräftigte aber – noch einmal im Hinblick auf die kommende Abstimmung vom 5. Juni über den Baurechtsvertrag: «Dieser günstige Wohnraum ist aber nur möglich, wenn die Stadt den Landbesitz nicht zum marktüblichen Preis im Rahmen des Baurechtsvertrages verzinsen muss. Wir sind als Woba also darauf angewiesen, dass das Stimmvolk Ja zum Baurechtsvertrag sagt, das ist der wichtigste Punkt überhaupt.»

Nach Romingers Auftritt folgten Erläuterungen durch Egon Eggmann, Geschäftsführer der Woba, über den Stand der Planung und die Vorgaben des Bundes für die Wohnbauförderung. Architekt Christoph Ramser, aus dessen Büro das Projekt stammt, erklärte den Interessierten die Überlegungen zu Gebäudeformen und Gestaltung der Umgebung. Die Siedlung solle auch für Nichtbewohner mit Durchgängen zur Begegnungszone im Innenhof geöffnet werden, so dass ein Miteinander ermöglicht wird. Stadtpräsident Roger Forrer, der wie Rominger ebenfalls im Vorstand der Woba ist, sprach dann über die Finanzierung des Projekts. Das Geld für den günstigen Wohnraum werde einerseits über Bundesgelder der Wohnbauförderung, andererseits über die Zeichnung von Anteilscheinen der interessierten Genossenschafter und nicht zuletzt über Mietkautionen und eine Hypothek der Bank generiert. Forrer lud Privatpersonen und Unternehmen dazu ein, das Projekt mit einem Darlehen zu unterstützen. «Oder zeichnen Sie Anteilscheine für Ihre Kinder, die später davon profitieren können.» Stadträtin und ebenfalls Vorstandsmitglied Andrea Hess schloss den informierenden Teil der Veranstaltung mit Fakten über die Mitgliedschaft und über die Regelungen zur Vermietung.

Ein Raunen ging durch den Saal, als Rominger dann die Veranstaltung für Fragen aus dem Publikum öffnete. Viele erhoben sich für ihre Voten. Manche griffen das Thema der Personalunion von Stadtrat und Woba-Vorstand auf. Worauf Forrer reagierte: «Wir sind froh um diese Kritik und nehmen sie auch ernst.» Und Rominger sagte auf Nachfrage unserer Zeitung: «Wir sind ernsthaft daran, uns eine vorzeitige Öffnung der Genossenschaft zu überlegen, um so grösstmögliche Transparenz zu schaffen.»

Forrer entschuldigt sich

Leo Stäheli, Präsident der CVP-Ortspartei Steckborn, äusserte sich kritisch: «Mit einem Ja zum Baurechtsvertrag hebeln wir alle demokratischen Rechte zum Projekt Linde aus», und Marianne Guhl-Gsell, Präsidentin der SP-Ortspartei Steckborn, meldete sich mit der Frage nach der Erweiterung des Wohnangebots. Vorwürfe wurden laut, dass die Stadt den Dialog zur Evangelischen Kirchgemeinde Steckborn, die zusammen mit der Schulgemeinde und der Stadt frühere Besitzerin des Areals war, nicht gesucht habe. Forrer zeigte sich in dem Moment volksnahe und gab zu: «Ich entschuldige mich bei Evangelisch-Steckborn, dass wir nicht während der Vorbereitung das Gespräch gesucht haben.» Weiter: «Im Nachhinein ist man immer gescheiter, aber wir gingen davon aus, dass auch die Evangelische Kirchgemeinde bezahlbaren Wohnraum unterstützen würde.»

Die Genossenschaft sehe keine Gewinnabschöpfung vor, und deswegen sei der Stadtrat der Ansicht, dass er das Land zum Buchwert weitergeben könne. Mit seiner Aussage: «Hoffentlich bringen wir das Projekt zum Fliegen», betonte er einmal mehr, dass man das Projekt weiterzuführen versuche. Es wurde die Forderung laut, dass die Gemeinde Steckborn eine Orientierungsveranstaltung hätte organisieren sollen. Denn die meisten seien doch nicht wegen der Wohnbaugenossenschaft Linde gekommen, sondern wegen der Ungereimtheiten in Bezug auf die Abstimmung zum Baurechtsvertrag am 5. Juni. Gar von Vertrauensverlust war die Rede.

Dennoch genossen im Anschluss an die Diskussion viele noch das Beisammensein bei Wein und Häppchen.

Weitere Informationen unter www.wobalinde.ch