CHEMIEFREI: Zwei Imker wagen den Befreiungsschlag

Die Varroamilbe ist der schlimmste Feind der westlichen Honigbiene. Ein Thurgauer Duo vertraut auf die natürliche Widerstandskraft der nützlichen Insekten. Bis jetzt mit guten Ergebnissen.

Markus Schoch
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Eine von Varroa befallene Biene, deren Flügel deformiert sind. Verantwortlich dafür ist ein Virus. (Bild: Vincent Dietemann)

Eine von Varroa befallene Biene, deren Flügel deformiert sind. Verantwortlich dafür ist ein Virus. (Bild: Vincent Dietemann)

Markus Schoch

markus.schoch@thurgauerzeitung.ch

Sie sind Vater und Sohn. Und sie sind mutig und vorsichtig zugleich. Die beiden Thurgauer Imker behandeln ihre derzeit 42 Bienenvölker an über fünf Standorten nicht mehr mit Säuren oder ätherischen Ölen, um sie gegen die Varroamilbe zu schützen (siehe Kasten). Auf die Gefahr hin, alles zu verlieren – was sie allerdings nicht erwarten. Doch öffentlich mit Namen dastehen wollen die beiden nicht. Sie fürchten die Reaktionen der Bienenhalter. Denn die konsequente Bekämpfung der todbringenden Spinnentiere ist ein ungeschriebenes Gesetz in Imkerkreisen. In die Knochen gefahren sind den beiden Bienenhaltern in diesem Frühling die Bilder der am Boden liegenden Bienenkästen von Rüdiger Junghans, der mit seinem Kollegen Guido Knup und dem Verein Bee Best Friends mit Sitz im Oberthurgau neue Wege gehen will. Deren Konzept unterscheidet sich nur unwesentlich von jenem der traditionellen Imkerei. Was aber für jemanden offenbar bereits zu viel war.

«Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst»

Im Vergleich dazu erscheint das Vorgehen der beiden chemiefrei arbeitenden Imker geradezu als Provokation. Eine Gefahr für andere seien sie aber nicht, versichern sie. «Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst. Gemäss Versuchsberichten ist das Verfliegen der Bienen und somit ein mögliches Austragen von Varroamilben bei einem Abstand der Völker von mehr als zehn Metern nahezu null», sagt der Sohn.

Die zwei Männer sind nicht grün hinter den Ohren. Sie halten seit über 30 Jahren ein Rassengemisch von Bienen und haben lange alles mitgemacht, was man ihnen gesagt hat, um die Varroa in Schach zu halten. Gleichzeitig zog der Vater schon ziemlich bald Königinnen von jenen Völkern mit dem geringsten Milbenbefall nach, in der Hoffnung, dass die Widerstandskraft irgendwo im Erbgut festgeschrieben sei.

Der Wendepunkt war 2011. Die beiden Imker verloren in jenem Winter viele Völker. Die Überlebenden schienen robust zu sein. Der Vater zählte Ende 2013 nach der Varroabehandlung bei zwei Völkern sieben Milben – was so gut wie keine sind. Und so wagten er und sein Sohn 2014 den nächsten und entscheidenden Schritt: Sie verzichteten erstmals auf irgendwelche Mittel, um der gefährlichen Milbe den Garaus zu machen. Bis jetzt ging alles gut: «Wir hatten im Winter 2015/16 keine Ausfälle und im darauffolgenden Jahr betrugen die Verluste knapp zehn Prozent, was auch früher vorkam, als es die Varroa bei uns noch nicht gab», sagt der Sohn. Wie stark der Befall der Völker mit Milben zuletzt war, können er und sein Vater nicht sagen. «Wir zählen sie nicht mehr.» Weil es nicht nötig sei und die Bienen nur störe und damit schwäche, wenn die Kästen ständig geöffnet würden. Die beiden Imker überlassen die Völker aber nicht sich selber, was sie auch nicht dürften. Denn die sogenannte Varroatose ist eine gesetzlich zu überwachende Tierseuche. Ihr Augenmerk gilt dem Bienenflug. «Man sieht schnell, wenn etwas nicht stimmt.»

Andere haben Angst, ihrem Beispiel zu folgen

Die beiden Bienenhalter würden sich wünschen, dass andere ihrem Beispiel folgten. Dabei denken sie vor allem an Hobby-Imker, die wie sie selber nicht vom Honigverkauf leben. Diese hätten nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen – und weniger Arbeit. Einzelne vertrauenswürdige Kollegen haben der Vater und sein Sohn bereits ins Vertrauen gezogen. Bis jetzt ohne Erfolg. Alle hätten Angst, es ihnen gleich zu tun. Denn von offizieller Seite würde einem ständig eingeredet, wie gefährlich und fahrlässig es sei, der Natur freien Lauf zu lassen. Dabei sei es fahrlässig und gefährlich, ihr ständig ins Handwerk zu pfuschen, sind die beiden überzeugt. Denn die westliche Honigbiene sei durchaus in der Lage, sich auf die Varroamilbe einzustellen und mit ihr leben zu lernen, wie verschiedene wissenschaftliche Studien bewiesen. Mit dem Einsatz von Hilfsmitteln verunmögliche man nur die Selektion von robusten Bienen und fördere stattdessen die Auslese von solchen, «die am besten auf die Behandlungsmethode ansprechen und am Schluss total abhängig von der Chemie sind».