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Chefarzt Roland Kuhn: «Wir haben die Substanz nach und nach an 300 Fällen kennengelernt»

MÜNSTERLINGEN. In seiner Autobiographie* schildert Roland Kuhn, der ab Mai 1939 als Oberarzt und von 1970 bis 1979 als Chefarzt an der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen tätig war, seine Zusammenarbeit mit dem Pharmaunternehmen Geigy. Diese dauerte mindestens bis 1972. Roland Kuhn schreibt:

MÜNSTERLINGEN. In seiner Autobiographie* schildert Roland Kuhn, der ab Mai 1939 als Oberarzt und von 1970 bis 1979 als Chefarzt an der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen tätig war, seine Zusammenarbeit mit dem Pharmaunternehmen Geigy. Diese dauerte mindestens bis 1972. Roland Kuhn schreibt:

«Ums Jahr 1950 war Domen Joz von der J. R. Geigy AG Basel mit dem Gesuch an uns herangetreten, ein Antihistaminikum (Wirkstoff, der den körpereigenen Botenstoff Histamin schwächt) daraufhin zu prüfen, ob es sich als Schlafmittel anwenden liesse. Unsere Versuche verliefen zwar negativ, das Präparat schien uns aber eigenartige <antipsychotische> Effekte zu haben. Die Firma ging jedoch auf unseren Vorschlag, diese Beobachtungen weiterzuverfolgen, nicht ein.

Dann hörten wir von den Wirkungen des Chlorpromazins und sammelten bald eigene Erfahrungen. Es wollte uns scheinen, solches oder ähnliches mit dem Antihistaminikum der J. R. Geigy AG schon gesehen zu haben. Nachdem sich dann zeigte, dass Chlorpromazin kostspielig war und der für unsere Klinikapotheke zur Verfügung stehende Kredit bei weitem nicht ausreichte, um die benötigten Mengen dieses Medikamentes zu beschaffen, verfielen wir auf die Idee, Domen Joz an unsere früheren Beobachtungen zu erinnern. Am 17.2.1954 haben wir der J. R. Geigy AG, die sich soeben dem ehemals geprüften Stoff im Hinblick auf die Hibernation (Heilschlaf) erneut zugewandt hatte, in einem längeren Brief über die früheren Erfahrungen mit dem Antihistaminikum und über die Chlorpromazin-Effekte berichtet und erneut eine klinische Prüfung dieser Substanz G 22 150 angeregt.»

«Wir fanden keine Wirkung»

Kuhn stellte fest, dass G 22 150 «offensichtlich psychopharmakologische Eigenschaften» besass, die mit denjenigen des Chlorpromazins jedoch nicht identisch waren. Die Münsterlinger Forscher fanden keine Wirkung auf Depressionen. Kuhn entschied, dass der Wirkstoff, «wegen störender Nebenwirkungen» für eine Anwendung in grösserem Rahmen nicht in Frage kam.

Gemeinsam mit Domen Joz entschlossen sich die Münsterlinger als nächste Substanz der Gruppe für weitere klinische Prüfungen diejenige auszuwählen, welche eine ähnliche chemische Struktur aufwies wie das Chlorpromazin. Roland Kuhn schreibt: «Es war dies G 22 355. Wir haben während etwa eines Jahres mit der Substanz bei den verschiedensten psychiatrischen Krankheiten und Anomalien gearbeitet und diese so nach und nach an etwa 300 Fällen kennengelernt.

Und weitere Versuche

Um zu einem abschliessenden Urteil zu kommen, führten wir zu Beginn des Jahres 1956 auch einige Behandlungen an endogen depressiven Kranken durch, wie wir das bereits mit dem vorhergehenden Präparat getan hatten. Nach drei behandelten Fällen stand bereits das Wesentliche der antidepressiven Wirkung der Substanz, die später Imipramin (Tofranil R) genannt wurde, fest.»

1957: Das erste Antidepressivum

Am 4. Februar 1956 erhielt die J. R. Geigy AG ein Gutachten von Kuhn, in welchem auf die Wirkung von Imipramin bei Depressionen hingewiesen wurde. Kuhn und sein Team forschten weiter. Am 6. September 1957 informierte der Psychiater am Internationalen Kongress für Psychiatrie in Zürich über die antidepressive Wirkung von Imipramin. Über sein Forschungsergebnis, die Entdeckung des ersten Antidepressivums, wurde 1957 auch in der «Schweizerischen Medizinischen Wochenschrift» berichtet.

Hierüber hält Roland Kuhn fest: «Der Aufsatz fand einige Beachtung und reichlich Unglauben, was angesichts der bisherigen, im ganzen doch als Misserfolg zu bezeichnenden medikamentösen Depressionstherapien verständlich war. Die Beschreibung der antidepressiven Effekte stützte sich auf 40, freilich sehr gut untersuchte und beobachtete Fälle.»

Die Markteinführung des neuen Medikamentes mit dem Namen Tofranil erfolgte 1958.

Zusammenarbeit mit Ciba

Auch in den folgenden Jahren scheint Roland Kuhn für die Basler Pharmaindustrie geforscht zu haben. Er schreibt: «In Zusammenarbeit mit Professor Hugo Bein von der Ciba AG in Basel gewann ich Anteil an der Entwicklung von Octadienen für die Depressionsbehandlung, die zur Einführung von Maprotilin (Ludiomil R) im Jahre 1972 führten.» Inge Staub

* Psychiatrie in Selbstdarstellung, Ludwig J. Pongratz

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