Candrian muss gehen

Sein rassistisches «Jubel»-Mail kostet Maurus Candrian die Anstellung beim Kanton. Der 55jährige Sektionsleiter im Baudepartement ist per sofort freigestellt. Die Trennung erfolgt aber einvernehmlich.

David Scarano
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Maurus Candrian (Bild: pd)

Maurus Candrian (Bild: pd)

ST. GALLEN. Der wegen Rassendiskriminierung verurteilte Maurus Candrian muss das Baudepartement verlassen. Das gab gestern die Staatskanzlei bekannt. In ihrer Mitteilung wird das Verhalten des Sektionsleiters, der in einem Mail den Tod von fünf israelischen Touristen bei einem Attentat in Bulgarien bejubelt hatte, als «rufschädigend» und mit den Werten des Baudepartements und der gesamten kantonalen Verwaltung als «nicht vereinbar» bezeichnet. Auch ist von einem «nachhaltig gestörten Vertrauensverhältnis» die Rede. Dazu beigetragen hätte der Umstand, dass Candrian seinen Arbeitgeber erst kurz vor der öffentlichen Bekanntmachung durch die Medien über die Verurteilung informiert habe.

Baudirektor Willi Haag betonte, dass es nicht zu einer Kündigung gekommen ist, die arbeitsrechtlich «dünn» gewesen wäre und womöglich einen langwierigen Rechtsstreit verursacht hätte. «Die Trennung erfolgte einvernehmlich.» Beide Parteien haben eine Vereinbarung unterschrieben. Candrian wird per sofort freigestellt, der Arbeitsvertrag läuft bis Ende Juli.

Im Vorfeld hatte Thomas Geiser, Professor für Arbeitsrecht an der Universität St. Gallen, in einem Interview die Frage nach der Rechtmässigkeit einer Kündigung aufgeworfen: Ein Vergehen ausserhalb des Arbeitsverhältnisses könne nur zu einer solchen führen, wenn die Person Repräsentationspflichten innehabe.

Sorgfältiges Abwägen

Die Empörung über das menschenverachtende Mail Candrians war gross. Die jüdische Gemeinde St. Gallen forderte Konsequenzen. Sie nimmt die Meldung über die einvernehmliche Auflösung des Arbeitsverhältnisses mit «Erleichterung» zur Kenntnis.

Unter Druck war vor allem Baudirektor Haag geraten. Statt rasch einen Schlussstrich zu ziehen, liess er sich aber Zeit. Es sei ein sorgfältiges Abwägen gewesen. Denn: «Ich bin für das Departement, aber auch für meinen Mitarbeiter verantwortlich.» Für Candrian sprach die gute Arbeit während 17 Jahren, gegen ihn das nicht akzeptierbare Verhalten mit dem Mail an die Botschaft. In Gesprächen wurden verschiedene Szenarien geprüft, auch jene, die eine Abmahnung mitsamt Lohnverzicht vorsah. Aber gemäss Haag hätte sich die Frage gestellt, inwieweit die Mitarbeitenden im Departement und die Öffentlichkeit ein solches Vorgehen akzeptiert hätten. Schliesslich habe sich die einvernehmliche Trennung als beste Lösung herausgestellt – «für beide Seiten», wie der Baudirektor sagt.

Maurus Candrian und Willi Haag kamen am Donnerstagabend nach einem zweistündigen Gespräch überein, das Arbeitsverhältnis aufzulösen. Wäre es nach dem Wochenende seitens des Baudirektors zu einem Meinungsumschwung gekommen, hätte Candrian wohl von sich aus auf eine Weiterverpflichtung verzichtet. «Persönlich hätte ich dem Druck standhalten können», sagt er. Aus einer «Gesamtsicht» heraus, die die Interessen der 650 Baudepartementsmitarbeiter und aller Kantonsangestellten berücksichtigt, «dürfte es für alle das Beste sein, sich zu trennen».

«Neue Existenz aufbauen»

In einer Stellungnahme schreibt Candrian, dass er «nur im roten Bereich formulierte, wenn es um Kriege und Völkermord in Irak, Afghanistan und im Nahen Osten ging». Die Verurteilung und öffentlich an den Pranger gestellt zu werden entwickelte sich für ihn zu einer Art Katharsis. «Das schwere Unwetter, welches über mein Leben hereingebrochen ist, betrachte ich als reinigendes Gewitter», sagt er. Künftig werde er seine Lebensenergien zu 100 Prozent positiv einsetzen. Wie und wo er das machen wird, ist offen. Auch die berufliche Zukunft ist ungeklärt. Mit 55 Jahren steht er vor einem Neuanfang. «Ich muss eine neue Existenz aufbauen.» Gemäss Haag ist das Baudepartement bereit, den langjährigen Mitarbeiter bei der Neuorientierung zu unterstützen.

«Lehre genug»

Eine «Lex Candrian» oder ähnliches wird es für die Kantonsmitarbeiter nicht geben. Es sind laut Haag keine schärferen Weisungen oder Verfügungen vorgesehen. «Der grobe Ausrutscher und seine Konsequenzen dürften allen Lehre genug gewesen sein.»

Willi Haag (Bild: pd)

Willi Haag (Bild: pd)

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