Calvados aus dem Thurgau

Thursicht

David Angst
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In Charles Lewinskys Kriminalroman «Der Wille des Volkes» trinkt ein abgehalfterter Journalist eines Abends zu viel Calvados. «Es war kein echter Calvados, den er da für Notfälle im Küchenschrank hatte, so einen richtig guten Importtropfen konnte er sich schon lange nicht mehr leisten. Im Thurgau gebrannt, aber auf die Herkunft kam es jetzt nicht an», heisst es da, und weiter unten: «Der Thurgauer Calvados brannte im Hals, so ganz war die Imitation nicht gelungen.» Beim Lesen dieser Zeilen schmerzt dem Thurgauer nicht der Hals, sondern die Seele. Kann es sein, dass ein Thurgauer Apfelprodukt schlechter ist als ein ausländisches?

Nun ist Charles Lewinsky kein Fachjournalist, sondern ein Belletristiker. Und die leben von der Fantasie. Beim Hersteller des Thurgados, dem Weingut Saxer in Nussbaumen, heisst es denn auch auf Anfrage, ob man das Original oder die Imitation besser finde, sei reine Geschmackssache. Vermutlich habe der Autor auf einer Reise in die Normandie Calvados getrunken – und davon eine verklärte Erinnerung nach Hause gebracht.

Das ist der Ferien-Effekt. Im Urlaub schmeckt der billigste Grappa oder Metaxa göttlich, zu Hause macht man die als Souvenir heimgebrachte Flasche kaum noch auf. Das beruhigt das Heimatgefühl. Es ist also gar nicht nötig, dass der Bauernverband gegen Johann Schneider-Ammanns Freihandelspläne mit Südamerika so laut protestiert. Wer geht schon dorthin in die Ferien? Und machen sie dort überhaupt einen Apfelschnaps?

David Angst

david.angst

@thurgauerzeitung.ch

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