CALLGIRL-PROZESS: Knackpunkt Rückfallprognose

Im Weinfelder Callgirl-Prozess ist Thomas Knecht einer der beiden forensischen Gutachter. Die psychiatrischen Gutachten spielen eine Schlüsselrolle. Es geht um den schweizweit ersten Fall lebenslanger Sicherungsverwahrung.

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Der Gutachter: Die Analysen und Einschätzungen von Thomas Knecht sind im In- und Ausland gefragt. (Bild: Reto Martin)

Der Gutachter: Die Analysen und Einschätzungen von Thomas Knecht sind im In- und Ausland gefragt. (Bild: Reto Martin)

Herr Knecht, was haben Sie vor sechs Jahren gedacht, als die Verwahrungs-Initiative vom Volk angenommen wurde?

Thomas Knecht: Meine Güte, habe ich gedacht. Da könnte eine kleinere Überforderung auf die psychiatrischen Gutachter zukommen. Es war mir schlagartig klar, dass die Gerichte diese Bürde soweit als möglich auf die Experten abwälzen würden. Ebenso klar war, dass wir aufgrund unseres heutigen Erkenntnisstandes nicht alle diese Erwartungen erfüllen können.

Welche Erwartungen haben die Gerichte denn?

Knecht: Vor allem natürlich in prognostischer Hinsicht. Die Gutachten sollen Jahre und Jahrzehnte halten. Es ist schon etwas verwegen, so etwas zu erhoffen.

Können Sie sich mit der gesetzlichen Ausführung anfreunden?

Knecht: Ich habe mich damit abzufinden. Gesetze werden ja nicht so verfasst, dass sie für die Gutachter möglichst komfortabel sind.

Ich habe mich darauf eingestellt, dass ich den Richtern signalisieren muss, wenn meine Aussagen zur Prognose mit methodenbedingten Unsicherheiten behaftet sind.

Welches sind die Knackpunkte?

Knecht: Knackpunkte sind vor allem die Prognosen zum Rückfall und zur Behandelbarkeit.

Bekommen die Gutachter zu viel Gewicht vor Gericht?

Knecht: Man kann das nicht verallgemeinern. Oftmals wird gar kein Gutachten gemacht. Auf jeden Fall ist es nur eines von sechs Beweismitteln.

Daneben gibt es aber schon Fälle, wo das Gutachten ausschlaggebend ist, namentlich die Ausführungen zur Schuldfähigkeit, zur Behandelbarkeit und zur Prognose. Diese Fälle sind eher selten, erregen aber gewöhnlich viel Aufsehen.

Wie gehen Sie damit um, dass die Verteidiger vor Gericht Ihre Gutachten versuchen unglaubwürdig zu machen, manchmal auch mit despektierlichen Äusserungen?

Knecht: Das gehört einfach zum Handwerk.

Die Parteien beurteilen Gutachten nicht nach ihrem wissenschaftlichen Gehalt, sondern danach, ob es ihnen beim Erreichen ihrer Ziele hilft oder nicht. Da kann von der frustrierten Seite her schon mal unsachliche Kritik kommen. Das kann ich mittlerweile gut einordnen und mache mir deswegen keinen Kopf. Am Anfang war ich schon mal erstaunt über die Töne, die da angeschlagen wurden.

Verspüren Sie beim aktuellen Prozess einen besonderen Druck, weil der Angeklagte der erste Fall in der Schweiz sein könnte, der lebenslang verwahrt wird und zwar ohne weitere Überprüfung?

Knecht: In der Tat. Bei diesem Prozess sind die Erwartungen des Gerichtes besonders hoch angesetzt, dass die Psychiater eine möglichst klare, unzweideutige Entscheidungsgrundlage bieten. Falls nicht, befände sich das Gericht in einem erheblichen Dilemma.

Können Sie das Dilemma näher erklären?

Knecht: Es steht eine sehr schwerwiegende Entscheidung an. Wenn die nicht befriedigend getroffen werden kann, dann droht ein Weiterzug, weil es wirklich um sehr viel geht.

Wenn neue Gutachten angefordert würden, gibt es genügend forensische Psychiater in der Schweiz, die das Gericht bestellen kann?

Knecht: Ja, durchaus. Für diesen einen Fall schon.

Kommen wir zu den Prognosen. Wie gross ist die Zeitspanne, in der Sie sagen können, meine Prognose trifft zu?

Knecht: Also absolut sicher dürfen wir ohnehin nie sein. Das kommt sehr auf den konkreten Fall an. Die zeitliche Reichweite hängt in hohem Mass davon ab, wie viel Entwicklungsdynamik beim Angeschuldigten zu erwarten ist. Da spielt es schon eine Rolle, ob einer 15, 50 oder 85 ist. Beim jungen formbaren Menschen kann ein Zeithorizont von einem Jahr schon ganz viel sein. Andererseits kommt es auch darauf an, wie sind die Risiko- und Schutzfaktoren verteilt.

Je mehr einer eine «gesunde» Mischung hat, desto eher kann er aus der gefährlichen Zone herauskommen. Je einseitiger er mit Risikofaktoren belastet ist, desto mehr braucht es an positiven Einflüssen.

Können sich im Gefängnis solche positiven Faktoren überhaupt entwickeln?

Knecht: Nun, wenn einer entlassen wird, dann hat er schon mal eine positivere Prognose. Die Rückfallhäufigkeit liegt ja nie bei 100 Prozent. Die Erfahrungen im Gefängnis können also durchaus Positives dazu beitragen.

Aber Wunder werden dort natürlich nicht bewirkt. Eine gewisse Rückfallquote bleibt in allen Deliktkategorien.

Der Angeklagte im Weinfelder Prozess soll 20 Jahre ins Gefängnis und dann lebenslang verwahrt werden. Gibt es überhaupt ein Prognoseinstrument, das solch lange Zeiträume berücksichtigt?

Knecht: Es wird das ganze Leben bis zum heutigen Tag berücksichtigt.

Die Prognoseinstrumente sind Hilfsmittel für den Forensiker, aber sie nehmen ihm das Denken in keiner Weise ab. Es wäre geradezu fahrlässig, nur auf die Bewährung in der Haft abzustellen, da es sich hier doch um einen geschützten Rahmen handelt. Wir gehen bei der Rückfalldefinition derzeit in unseren Breiten von Zeiträumen von fünf Jahren «at risk» aus.

Wie viel Anteil an einem Gutachten haben Erfahrung und Intuition?

Knecht: Im Vordergrund steht für mich schon die klinische Untersuchung, namentlich die sehr ausführliche Anamnese, also Vorgeschichtserhebung, die durch möglichst viele Drittauskünfte belegt werden muss. Da stütze ich mich auf ein Schiller-Zitat: «In seinen Taten malt sich der Mensch.»

Können Sie die anerkannten Prognoseinstrumente kurz nennen?

Knecht: Da ist die PCL (Psychopathy Checklist) von Robert D. Hare, die 1991 in Kanada veröffentlicht wurde. Dabei werden 20 Tätermerkmale abgecheckt und mit je null bis zwei Punkten bewertet. Ab 30 Punkten herrscht dann Alarmstufe Rot bezüglich Rückfallgefahr. Bei uns sehr gebräuchlich ist der sogenannte Dittmann-Katalog, der überdies auch die Frage der Therapiemöglichkeiten mit berücksichtigt.

Eine neuere Entwicklung aus Zürich ist «FOTRES», ein computergestütztes System, in das man rund 700 Daten einspeisen kann. Neben der Rückfallsneigung wird hier auch die therapeutische Beeinflussbarkeit eingeschätzt. «VRAG» wurde im Prozess auch genannt. Das enthält beispielsweise als wichtiges Kriterium den PCL-Wert. Es ist also nicht ein unabhängiges Instrument.

Welche Prognoseinstrumente haben Sie im Weinfelder Fall angewendet?

Knecht: Ich habe den Dittmann-Katalog angewendet und zwar den Katalog für allgemeine Delinquenz und den für Sexualstraftäter. Diese Liste vereint eine grosse Zahl von anerkannten und einleuchtenden Prognosekriterien in sich. Zusätzlich habe ich die revidierte Form der PCL-Liste eingesetzt, weil sie mir für diesen Tätertypus besonders geeignet erschien. Die Resultate waren deckungsgleich und stimmten mit meinen klinischen Eindrücken überein.

Kann sich eine Prognose nicht erst dann bestätigen oder negieren, wenn Sie auch überprüft wird?

Knecht: Das ist ein ungelöstes Problem. Fehler der zweiten Art, wie wir es nennen, rächen sich unter Umständen mit dem Verlust eines Menschenlebens. Wenn man einen Täter zu pessimistisch beurteilt, ist das ein Fehler der ersten Art. Aber man merkt es nicht, weil der Täter weiterhin im Gefängnis ist. Letztlich ist es immer eine Entscheidung des Gerichts. Es kann auch von der Empfehlung und Prognose abweichen.

Nochmals konkret zum Angeklagten im Weinfelder Prozess. Wie können Sie ein Gutachten erstellen, wenn der Gegenüber kein Wort mit Ihnen redet?

Knecht: Wenn das die einzige Begegnung gewesen wäre, dann wäre es sehr schwer, zu einem brauchbaren Ergebnis zu kommen. Aber ich habe den Herrn ja schon 19 Jahre zuvor sehr ausführlich untersucht. Und ich war als Beobachter bei einer Einvernahme dabei. Da musste ich nicht mit ihm sprechen, konnte aber seine Reaktionen auf die ganzen Vorwürfe verfolgen.

Weiter habe ich natürlich die Unterlagen der verschiedenen Vernehmungen. Und über die frühe Entwicklung habe ich sehr aussagekräftige Formulierungen seiner engen Bezugspersonen.

Interview: Stefan Borkert

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