Café, Stau und bewusstes Sein

«An Ostern bleibt man besser zu Hause», sagt meine Frau Turmspatz. «Aber ein Cappuccino auf der Piazza von Locarno, das wäre schon was, oder?» Meine Frau stellt das Radio an. Staumeldungen. «Da hast du dein Tessin.

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Erst steht man bei Göschenen an, merkt dann, dass es im Süden auch nicht besser ist und steht wieder ewig im Stau.» «Aber so ein Trip hat auch sein Gutes.» «Wie bitte?» «Man sitzt stundenlang im Auto. Viel Zeit für Gespräche, für Selbsterkenntnis, für erweitertes Bewusstsein», antworte ich, obwohl ich im Auto noch nie Momente der Selbsterkenntnis hatte. «Das kannst du ganz in der Nähe haben.» Gespannt fliege ich mit meiner Frau bis zum Schloss Glarisegg. «Hier leben die Spezialisten des bewussten Seins und bieten ihre Seminare an.» Wir setzen uns gemütlich auf einen Ast und schauen dem Treiben zu. Da machen sich «Om mani padme hum» murmelnde Menschen in langen Gewändern auf die Suche nach ihrer Atmung. Biodynamisch-vegetarisch gesättigte Körper gleiten durchs Licht. «Schau mal, wie die loslassen können», tschilpe ich. «Die sind nur so leicht, weil sie den stattlichen Seminarbetrag bezahlt haben», gibt meine Frau zurück. Unten am See liegen bleiche Körper hüllenlos in der Frühlingssonne. Es schüttelt mich. «Schnell weg, bevor noch ein Tantraworkshop beginnt.» «Genug bewusstes Sein?», fragt meine Frau Turmspatz. Ganz und gar. Nun habe ich so richtig Lust auf einen Cappuccino auf der Steckborner Piazza.

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