Bundesrat, «Bon» und Berlusconi

ROMANSHORN. «Politik in einer Demokratie ist der legale Kampf um Mehrheiten.» Das sagt alt Bundesrat Samuel Schmid an der Kanti Romanshorn. Der Berner erzählt an der Veranstaltungsreihe «offene Kanti» unter dem Titel «Tagwache 04.53»

Sebastian Keller
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Samuel Schmid: «Berlusconi traf ich in New York, morgens um zehn Uhr in einer Bar.» (Bild: Nana do Carmo)

Samuel Schmid: «Berlusconi traf ich in New York, morgens um zehn Uhr in einer Bar.» (Bild: Nana do Carmo)

Mit Aktenkoffer und Krawatte. Samuel Schmid tritt auch als alt Bundesrat magistral auf. Ob er im Ruhestand noch um 4.53 Uhr aufsteht, ist ungewiss. Als Bundesrat tat er dies: «Ein Berner braucht sieben Minuten, um aufzustehen», sagt er in der Aula der Kanti Romanshorn. Nur wenige Stühle bleiben frei an diesem Abend. Schmid spricht im Bernerdialekt, gespickt mit dem französischen Wort «Bon». Der Tag eines Bundesrates ist lang, wie sich zeigt. Schmid beklagt das nicht. Dass dies notwendig ist, zeigen schon die Geschäfte an einer Bundesratssitzung. «Diese hat zwischen 60 und 200 Traktanden», sagt Schmid. Die Traktanden seien in Farben unterteilt. Orange für unbestritten, blau für Orientierung. «Weiss ist für politische Schwergewichte.» Und grün sei geheim. Schmid: «Also das, was sie am nächsten Tag in der Zeitung lesen.»

Heute ist er Bürger

Indiskretionen, so Schmid, seien während seiner Zeit im Bundesrat ein Problem gewesen. «Heute geht das besser», stellt Schmid fest. Und schiebt nacht: «Wie ich es als Bürger beurteilen kann.» Schmid spricht im Präsens, wohl weniger weil er gerne noch Bundesrat wäre, sondern weil er weiss, wie das Erzählen funktioniert. Deshalb bemüht er Anekdoten. Er webt sie in verwaltungstechnische Passagen ein wie ein Confiseur die Zuckermasse in eine Torte. So erzählt er von vielen Kontakten, von Leuten, die er traf. «Berlusconi habe ich in New York getroffen», sagt Schmid. Das Romanshorner Publikum lacht. Schmid ergänzt: «Es war morgens um zehn in einer Bar.» Gesprächsthema: bilaterale Probleme. Auch die Queen habe er getroffen. «Sie hat mir Fragen zur Jugendarbeitslosigkeit in der Schweiz gestellt.» Es soll aber nicht ein Referat bleiben. «Ich will Sie nicht mit einseitigem Funkverkehr langweilen», sagt Schmid und animiert das Publikum zu Fragen. Während seiner Ausführungen war er wenig politisch. Dabei verhält er sich wie die meisten alt Bundesräte, die sich öffentlich zurückhalten. Doch das Publikum stellte die Fragen. «Bon» würde er sagen. Seine Haltung schiesst nicht gleich nach vorne wie die Munition an einem Obligatorischen. Bei der GSoA schält er sie föderalistisch heraus. Er erwähnt die Polizeihoheit der Kantone, die aktuelle Bedrohungslage. Dann serviert er seine Meinung wie den Kaffee nach dem Essen: «Wir bekämen ein Problem, wenn es ein Ja gibt.» Dann konkret: «100 000 Mann sind das Minimum.»

Unabhängiger Bundesrat

Das interessierte und informierte Publikum fragt munter weiter. Schmid, auch schon als «halber Bundesrat» von der eigenen Partei verschrien, skizziert, wie Schweizer Politik funktioniert. Er lässt verlauten: «Politik in einer Demokratie ist der legale Kampf um Mehrheiten.» Eine Partei reiche eben nie für eine Mehrheit. Sein Verhalten gegenüber seiner ehemaligen Partei, der SVP, bereut er nicht. «Ein Bundesrat muss unabhängig sein», sagt Schmid, der heute der BDP angehört.

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