Bund rückt Wölfen auf den Pelz

Der Bund will das Verhalten der Jungwölfe am Calanda genau erforschen – und testen, mit welchen Methoden sie von Siedlungen ferngehalten werden können. Auch Abschüsse von Wölfen, die zu wenig Scheu zeigen, sind ein Thema.

Adrian Vögele
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Der Bund nimmt die Calanda-Wölfe unter die Lupe: Hier zwei der Tiere auf einer Fotofallen-Aufnahme von Ende November 2013. (Bild: Amt für Jagd und Fischerei GR)

Der Bund nimmt die Calanda-Wölfe unter die Lupe: Hier zwei der Tiere auf einer Fotofallen-Aufnahme von Ende November 2013. (Bild: Amt für Jagd und Fischerei GR)

Das Wolfsrudel am Calanda hatte im vergangenen Jahr zum drittenmal Nachwuchs. Die älteren Jungtiere wandern nach und nach ab. Wie viele Wölfe derzeit zum Verbund gehören, ist nicht bekannt. Vor drei Wochen hielt sich das Rudel hinter dem Dorf Vättis im Taminatal auf. Wildhüter Rolf Wildhaber zählte auf einem Fotofallen-Bild sechs Tiere. «Es ist aber gut möglich, dass nicht das ganze Rudel auf dem Foto ist.» Mit eigenen Augen hat Wildhaber letztmals im Herbst Wölfe gesehen; zwei Stück waren es. Generell würden die Tiere nur selten gesichtet, sagt Wildhaber. «Sie verhalten sich nicht auffällig.» Allerdings komme es vor, dass sich die Wölfe in die Siedlungsgebiete vorwagen würden. «Der Mensch stellt für sie keine Gefahr dar», so die Erklärung des Wildhüters. Und er merkt an: «Aus meiner Sicht gehört der Wolf nicht ins Dorf.»

«Abschuss derzeit nicht nötig»

Inzwischen hat der Bund eine Offensive in Sachen Wolf gestartet: Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) bereitet im Auftrag von Bundesrätin Doris Leuthard eine Revision der eidgenössischen Jagdverordnung vor. Sie soll den erleichterten Abschuss von Wölfen unter bestimmten Voraussetzungen ermöglichen (Ausgabe vom 23. Dezember). Etwa wenn Jungwölfe ihre Scheu verlieren und sich wiederholt innerhalb oder in der Nähe von menschlichen Siedlungen aufhalten. Pro Natura, WWF und die Gruppe Wolf Schweiz kritisieren das Vorgehen scharf. Solch drastische Massnahmen seien bei einer Zahl von schweizweit etwa 25 Wölfen nicht gerechtfertigt.

Reinhard Schnidrig, Chef der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität im Bafu, hält fest: «Ein Abschuss, wie ihn die neue Verordnung ermöglichen soll, ist zurzeit am Calanda nicht notwendig.» Der Bund nehme die geäusserten Ängste der Bevölkerung aber ernst und bereite sich vor – «so dass wir dann den rechtlichen Rahmen zum Handeln haben, wenn es nötig sein sollte».

Schnidrig war 2014 zweimal in Vättis, um sich selber ein Bild der Lage zu machen. Ein Problem seien Fleischabfälle im Freien: «Am Rand des Dorfes hatte es in den letzten Jahren sogenannte Luderplätze mit Fütterungen für die Fuchsjagd, die wahrscheinlich die Jungwölfe angelockt haben.» Zudem habe man nicht weit vom Dorf im Wald Fleischabfälle von einer Schweinemetzgete gefunden. «Das geht natürlich nicht.»

GPS-Sender und Gummischrot

«Andererseits», so Schnidrig, «stellen wir schon auch fest, dass die Jungwölfe am Calanda zunehmend weniger scheu werden und mit der Infrastruktur des Menschen – Strassen, Maiensässe, Dörfer – gleichgültiger umgehen. Diese Verhaltensentwicklung wollen und müssen wir genau beobachten.» Das Bafu hat ein Forschungsprojekt lanciert, das die jungen Wölfe genau unter die Lupe nimmt und zeigen soll, warum und wie die Tiere Siedlungen aufsuchen. Auch Überwachung via Satellit ist eine Möglichkeit. «Wenn es gelingen sollte, einzelne Jungwölfe einzufangen, würden wir diese mit einem Halsbandsender wieder laufen lassen und dann eng beobachten», sagt Schnidrig. «Aber das Einfangen dürfte nicht einfach sein, denn Wölfe sind sehr vorsichtig und entsprechend eingeschränkt sind die Fangmethoden.»

Immer wieder diskutiert wird zudem die Vergrämung – das Verjagen der Raubtiere mit Warnschüssen oder Gummischrot. Auch solche Massnahmen sollen gemäss Schnidrig am Calanda getestet werden. «Aber natürlich nur, wenn sich die Wölfe auch wiederholt in die Siedlungen wagen. Wenn sie im Wald und am Berg bleiben, werden wir sie selbstverständlich in Ruhe lassen.»

Das Forschungsprojekt soll mindestens drei Jahre dauern. Die revidierte Jagdverordnung mit der Option der erleichterten Wolfsabschüsse geht hingegen im nächsten Quartal in die Vernehmlassung und könnte bereits am 1. Juni 2015 in Kraft treten.

Elterntiere schonen

«Der politische Druck auf den Bund, wegen der Wölfe aktiv zu werden, ist sehr hoch», sagt David Gerke, Präsident der Gruppe Wolf Schweiz (GWS). Das zeige die Tatsache, dass der Bund die Jagdverordnung anpassen wolle, obwohl das Parlament gerade im Begriff sei, das Thema auf Gesetzesstufe zu regeln. «Dieser Schritt ist für uns völlig unverständlich», so Gerke. Die Wölfe – auch die jungen Wölfe – in der Schweiz würden sich artgerecht verhalten. «Verschärft hat sich nicht die Situation mit den Wölfen, sondern ihre Wahrnehmung durch die Bevölkerung.»

Hingegen begrüsst Gerke, dass das Verhalten der Jungwölfe am Calanda erforscht werden soll. Auch das Prüfen von Vergrämungsmassnahmen sei sinnvoll. «Wir haben dies dem Bund bereits früher vorgeschlagen, jedoch ohne Erfolg.» Sollte es dennoch zu Abschüssen kommen, so sei es wichtig, dass diese sorgfältig geplant und von Fachleuten ausgeführt würden, sagt Gerke. «Ansonsten wird die Sozialstruktur des Rudels zerstört – oft mit dem Effekt, dass die Wölfe mehr Nutztiere reissen als zuvor.» Dies bestätigt Reinhard Schnidrig vom Bafu: «Die Elterntiere eines Rudels müssen unbedingt geschont werden.»